Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie des Fachbereichs Geschichte und Kulturwissenschaften der Philipps-Universität Marburg vorgelegt von PEER FENDER Marburg 2016 Bayern in der Vorgeschichte Eine GIS-gestützte Analyse der Siedlungslandschaft und der Einsatz von Open Data in der Archäologie Vom Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Philpps-Universität Marburg als Dissertation angenommen. Tag der Disputation: 2.06.2017 Erster Gutachter: PROF. DR. ANDREAS MÜLLER-KARPE Zweiter Gutachter: PD DR. TOBIAS MÜHLENBRUCH dx.doi.org/10.17192/z2017.0774 Vorwort Die Idee zur vorliegenden Dissertation entstand im Sommer 2013. Im Rahmen meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich mit einer GIS-gestützten Auswertung jungneolithischer Grabenwerke in Niederbayern. Der Wunsch einer umfangreicheren Analyse über mehrere Epochen hinweg ließ sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht rea- lisieren und musste daher zunächst unverwirklicht bleiben. Erst im April 2014 begann ich mit der Fundstellenaufnahme für die folgenden Auswertungen. Bedanken möchte ich mich deshalb zunächst bei Prof. Dr. Andreas Müller-Karpe, der sich bereit erklärt hat, meine Arbeit zu betreuen und stets für Fragen und Dis- kussionen zur Verfügung stand. Ebenso gilt mein Dank PD Dr. Tobias Mühlenbruch für die Betreuung als Zweitgutachter und seine kritischen Anmerkungen. Auch muss Prof. Dr. Felix Teichner erwähnt werden, der mit seinen Anregungen am Gelingen der Arbeit beteiligt war. Weiter zu danken habe ich meinen ehemaligen Kommilitonen. Allen voran Mar- tin Gorgas und Daniel Buhl für ihre ehrliche Meinung zu verschiedensten Themen. Auch Christoph Salzmann, Thomas Funke, Daniel Misterek, Agnes Schneider und allen anderen, die ich hier vergessen habe, sei an dieser Stelle für die vielen angeregten Diskussionen gedankt. Für Erläuterungen zu einigen statistischen Fragen möchte ich mich bei Tobias Mütze bedanken. Dank gilt auch meinen Eltern für ihre Unterstüt- zung und insbesondere meiner Frau für ihre Hilfe und Unterstützung. Ohne Sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Marburg, im Dezember 2016 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 1 2 Forschungsgeschichte 3 2.1 Geographische Informationssysteme 4 2.2 Zum Forschungsstand in Bayern 6 3 Untersuchungsgebiet 7 3.1 Chronologischer Rahmen 7 3.2 Allgemeine geographische Grundlagen 11 3.3 Vorgeschichtliche Umwelt 12 3.3.1 Klima 13 3.3.2 Gewässernetz 14 3.3.3 Bodenverhältnisse 14 3.3.4 Vegetation 15 3.4 Verkehrsgeographische Situation 16 3.5 Modellregionen 18 3.5.1 Niederbayern 19 3.5.2 Maindreieck 19 3.5.3 Ries 20 4 Quellenkritik 21 4.1 Theorie der Fundüberlieferung 21 4.2 Fundstellenaufnahme 22 4.2.1 Zeitstellung 23 4.2.2 Befundgattungen 25 4.2.3 Datengröße 26 4.3 Quellenfi lter 27 4.3.1 Moderne Landnutzung 27 4.3.2 Erosion 30 4.3.3 Sammlertätigkeit 31 5 Methodik und Geodaten 32 5.1 Raumkonzepte und Begriffl ichkeiten 32 5.2 Landschaftsarchäologie 34 5.3 Menschliche Bedürfnisse 35 5.4 GIS-Methoden 36 5.4.1 Topographic Position Index 36 5.4.2 Kanalnetzwerk 37 5.4.3 Geschätztes Grundwasserniveau 39 5.4.4 Umfeldanalyse 39 5.4.5 Kostenmodell für Zeitradius 40 5.4.6 Sichtbarkeitsanalyse 42 5.4.7 Predictive Modelling 43 5.5 Statistische Methoden 44 5.5.1 Density 44 5.5.2 Signifi kanztests 44 5.5.3 Clusteranalyse 45 5.6 Verwendete Geodaten 47 5.6.1 Geländemodelle 47 5.6.2 Umweltdaten 48 5.6.3 Klimadaten 48 5.6.4 Sonstige Daten 49 6 Geofaktoren und Besiedlung 50 6.1 Datengrundlage 50 6.2 Höhenlage 50 6.2.1 Ries 52 6.2.2 Maindreieck 53 6.2.3 Niederbayern 54 6.2.4 Vergleichsuntersuchungen 55 6.3 Hangneigung 56 6.3.1 Ries 57 6.3.2 Maindreieck 58 6.3.3 Niederbayern 59 6.3.4 Vergleichsuntersuchungen 60 6.4 Exposition 61 6.4.1 Ries 62 6.4.2 Maindreieck 63 6.4.3 Niederbayern 64 6.4.4 Vergleichsuntersuchungen 67 6.5 Relief 67 6.5.1 Ries 68 6.5.2 Maindreieck 69 6.5.3 Niederbayern 70 6.5.4 Vergleichsuntersuchungen 71 6.6 Rezentes Gewässernetz 71 6.6.1 Ries 73 6.6.2 Maindreieck 74 6.6.3 Niederbayern 75 6.6.4 Vergleichsuntersuchungen 76 6.6.5 Hochwasserereignisse 77 6.7 Löss 78 6.7.1 Ries 78 6.7.2 Maindreieck 79 6.7.3 Niederbayern 80 6.7.4 Vergleichsuntersuchungen 82 6.8 Umfeldanalyse 83 6.8.1 Ries 84 6.8.2 Maindreieck 84 6.8.3 Niederbayern 85 6.8.4 Vergleichsuntersuchungen 85 6.9 Sichtbarkeitsanalyse 86 6.9.1 Ries 86 6.9.2 Maindreieck 87 6.9.3 Niederbayern 87 6.9.4 Vergleichsuntersuchungen 88 6.10 Fazit 88 7 Klima 92 7.1 Frosttage 93 7.1.1 Ries 93 7.1.2 Maindreieck 94 7.1.3 Niederbayern 94 7.1.4 Fazit 95 7.2 Temperatur 95 7.2.1 Ries 96 7.2.2 Maindreieck 96 7.2.3 Niederbayern 97 7.2.4 Fazit 97 7.3 Niederschlag 98 7.3.1 Ries 99 7.3.2 Maindreieck 99 7.3.3 Niederbayern 100 7.3.4 Fazit 100 7.4 Sonnenstunden 101 7.4.1 Ries 101 7.4.2 Maindreieck 102 7.4.3 Niederbayern 102 7.4.4 Fazit 103 7.5 Fazit 103 8 Gräber 106 8.1 Höhenlage 107 8.2 Hangneigung 108 8.3 Exposition 108 8.4 Relief 109 8.5 Gewässerbezug 110 8.6 Lössnähe 111 8.7 Umfeldanalyse 112 8.8 Sichtbarkeitsanalyse 113 8.9 Siedlungsbezug 115 8.10 Clusteranalyse 115 8.11 Fazit 117 9 Paläo- und Mesolithikum 121 9.1 Höhenlage 122 9.2 Hangneigung 122 9.3 Exposition 123 9.4 Relief 123 9.5 Rezentes Gewässernetz 124 9.6 Löss 125 9.7 Umfeldanalyse 125 9.8 Sichtbarkeitsanalyse 126 9.9 Fazit 126 10 Neolithische Grabenwerke 128 10.1 Geofaktoren 130 10.1.1 Höhenlage 130 10.1.2 Hangneigung 131 10.1.3 Exposition 132 10.1.4 Relief 132 10.1.5 Gewässernähe 133 10.1.6 Lössnähe 134 10.1.7 Umfeldanalyse 135 10.1.8 Sichtbarkeit 136 10.2 Klima 136 10.2.1 Frosttage 136 10.2.2 Temperatur 137 10.2.3 Niederschlag 137 10.2.4 Sonnenstunden 138 10.3 Fazit 139 11 Spätlatènezeitliche Viereckschanzen 141 11.1 Profan oder Kultisch? 141 11.2 Topographie 144 11.2.1 Höhenlage 145 11.2.2 Hangneigung 145 11.2.3 Hangausrichtung 146 11.2.4 Relief 147 11.2.5 Gewässernähe 148 11.2.6 Löss 148 11.2.7 Umfeldanalyse 149 11.2.8 Sichtbarkeitsanalyse 150 11.2.9 Clusteranalyse 151 11.3 Klima 152 11.3.1 Frosttage 152 11.3.2 Temperatur 153 11.3.3 Niederschlag 153 11.3.4 Sonnenstunden 154 11.4 Fazit 155 12 Zusammenfassung 158 12.1 Ausblick 161 13 Literaturverzeichnis 163 14 Karten 174 EINLEITUNG 1 1 Einleitung Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag zum Verständnis des vorgeschichtlichen Siedlungsverhaltens leisten. Ziel ist es, die Fundplatzverteilung in seiner zeitlichen und räumlichen Ausdehnung zu beschreiben und zu interpretieren. Formal reiht sich die Arbeit damit in eine lange Liste vergleichbarer siedlungs- und landschaftsarchäologi- scher Studien ein, inhaltlich erweitert sie jedoch durch einen veränderten Ansatz die bisherigen Untersuchungen. Wie bereits D. Mischka anmerkte, ist für die Erforschung von Besiedlungsentwicklungen ein möglichst großes Arbeitsgebiet von wesentlicher Bedeutung1. Während die Verwendung eines Geographischen Informationssystems die technische Voraussetzung hierfür liefert, ist es in der Regel die händische Fund- stellenaufnahme, welche den Rahmen des Arbeitsgebietes begrenzt. Für diese Arbeit wurde daher auf die vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpfl ege online publi- zierte Liste der Bodendenkmäler zurückgegriffen. Auf diese Weise konnte sowohl die Zahl der Fundstellen, als auch die Fläche des Arbeitsgebietes vervielfacht werden. Untersucht wurden 26643 Fundstellen vom Paläolithikum bis zur Latènezeit im gesamten Freistaat Bayern, deren räumliche Verteilung jedoch nicht einheitlich ist. Von grundlegender Bedeutung ist daher die quellenkritische Betrachtung der Aus- wertungen. Neben Fehlern im Datenbestand selbst können auch andere Faktoren die heutige Fundverteilung beeinfl ussen. Dieser Umstand wird durch die Größe des Untersuchungsgebietes und die kritische Betrachtung der einzelnen Quellenfi lter mi- nimiert. Ziel der Arbeit ist es, durch eine transparente und nachvollziehbare Anwendung verschiedener Methoden zu zeigen, dass die Verwendung von großen Datenmengen auch bei geringem Detailgrad weiterführende Ergebnisse ermöglicht. Dabei ist es wichtig, immer den Vergleich mit den naturräumlichen Gegebenheiten zu ziehen. Nur auf diese Weise lässt sich entscheiden, ob bestimmte Verteilungsmuster tatsäch- lich signifi kant sind, oder lediglich eine Anpassung an die Umwelt darstellen. 1 Mischka 2007, 7 »Die Ausgangshypothese […] ist, dass die Verteilung der materiellen Hinterlassenschaften mittelbar Rückschlüsse auf menschliches Ver- halten zulässt, nämlich die Besiedlung und Nutzung des vorgefunde- nen Naturraumes in vorgeschichtlicher Zeit.« SCHIER 1990, 9 EINLEITUNG 2 Hierfür sollen im Folgenden verschiedene Fallbeispiele untersucht werden: • Lässt sich bei der Platzwahl der Siedlungen während des Neolithikums und der Metallzeiten eine Entwicklung erkennen? • Weisen die Siedlungen, Grabhügel und sonstigen Bestattungen Unterschiede in ihrer bevorzugten Lage auf? • Sind die Verteilungsmuster der paläo- und mesolithischen Freilandstationen identisch, oder gibt es unterschiedliche Vorlieben? • Lassen sich für die neolithischen Grabenwerke naturräumliche Präferenzen er- kennen, von denen die zeitgleichen Siedlungen abweichen? • Kann ein Vergleich der spätlatènezeitlichen Viereckschanzen mit den Siedlun- gen derselben Zeitstellung weiterführende Ergebnisse in Bezug auf die Funk- tion der Anlagen liefern? FORSCHUNGSGESCHICHTE 3 2 Forschungsgeschichte Viele Daten, die in der archäologischen Forschung entstehen, besitzen eine räum- liche Komponente. Die Bandbreite reicht von der geografi schen Position verschiede- ner Fundorte bis hin zur Lage einzelner Funde in einem Grabungsschnitt. Durch die Nutzung neuer Survey-Technologien und besserer Ausrüstung nimmt die Menge an räumlichen Daten stetig zu und es erschließen sich neue Forschungsfelder. Im späten 19. Jh. wurden Methoden zur räumlichen Kartierung von Fundobjekten erstmals angewandt. Es waren interessierte Geographen wie etwa Friedrich Ratzel und Robert Gradmann, die sich hier betätigten2. Um die Diffusionismustheorie des frühen 20. Jh. zu belegen, wurden diese Daten erstmals in größerem Umfang genutzt und ausgewertet. Die Kartierung verschiedener Fund- und Befundgattungen sollte zur Identifi zierung unterschiedlicher „Kulturzonen“ dienen3. Diese Ideen wurden von Gustav Kossinna unter dem Begriff „Siedlungsarchäologie“ aufgegriffen und im Sinne einer Stammeskunde angewandt4. Seine von der NS- Ideologie aufgegriffenen Forschungsansätze wurden in der Nachkriegszeit zurecht als einseitig kritisiert5. Bereits in den 1920er und 30er Jahren wurden aber auch schon Umweltfakto- ren bei der Verteilung von Siedlungsstellen betrachtet. Als wichtige Beiträge für den deutschsprachigen Raum sind vor allem die Arbeiten von Ernst Wahle zu nennen. So kartierte er als einer der ersten Siedlungen verschiedener neolithischer Epochen, samt der Verbreitung von unterschiedlichen Boden- und Pfl anzenarten6. Zudem hat Wahle bereits früh die Methodik von Kossinna kritisiert. Dessen schematische Gleichset- zung von Kulturkreis und Volk sei vielfach zu verkürzt. Gleichzeitig muss aber darauf hingewiesen werden, dass Wahle die ethnische Deutung von archäologischem Kultur- material nicht grundsätzlich in Frage stellte7. Die vorgestellten Arbeiten gipfelten in den 1950er Jahren unter dem Begriff der vergleichend geographisch-kartographischen Methode in der von H. J. Eggers her- ausgegebenen Zeitschrift Archaeologia Geographica8. Durch die sinkende Anzahl an diffusionistischen Arbeiten in der britischen Ar- chäologie schwand auch das Interesse an räumlichen Untersuchungen. In den USA hingegen wurden diese Ansätze weiterentwickelt und mündeten in den 20er bis 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in eher regionale Studien. Ziel war es, soziale oder 2 Ratzel 1882; Gradmann 1898; Gradman 1933 3 Ausführlich hierzu: Clarke 1977, 2; Wheatley/Gillings 2002, 4-5 4 Kossinna 1911 5 Dazu unter anderem: Eggers 1950a 6 Wahle 1918; Wahle 1921 7 Wahle 1941, 25 8 Eggers 1950b FORSCHUNGSGESCHICHTE 4 umweltbedingte Siedlungsmuster zu erarbeiten9. Besondere Maßstäbe setzten hierbei die Arbeiten von G. Willey und P. Phillips, mit denen sich räumliche Analysemetho- den endgültig zu etablieren schienen10. Alle diesen Studien haben eine Gemeinsamkeit in ihrer technischen Herangehens- weise, nämlich die rein visuelle Untersuchung des Raumes. Trotz der Schlichtheit der Kartierung verschiedener Symbole auf einer zweidimensionalen Karte war man sich im Fach sehr früh darüber im Klaren, dass die räumliche Dimension eine gewichtige Rolle in der Erforschung der Vergangenheit spielt11. In den 1960er Jahren erfuhr die Arbeit mit räumlichen Daten eine drastische Neu- bewertung. Im englischen Sprachraum wurden mit dem Beginn der prozessualen Ar- chäologie neue Anforderungen an die Auswertung der Daten gestellt. Die einfache visuelle Interpretation reichte nicht mehr aus und sollte nach Möglichkeit mit weite- ren Analysemethoden untermauert werden. Der stetige Zuwachs an Daten und die geforderte statistische Auswertung der Untersuchungen schuf einen Bedarf an neuen Werkzeugen12. Teilweise wurde bereits umfangreiches Kartenmaterial verwendet, um zu weiter- führenden landschaftsarchäologischen Aussagen zu gelangen. Hier sind vor allem die Arbeiten von B. Sielmann zum Neolithikum Südwestdeutschlands, sowie W. Linke zum Altneolithikum in Westfalen zu nennen13. Beide Untersuchungen gelangten ohne eine computergestützte Auswertung bereits zu beachtlichen Ergebnissen und sind besonders erwähnenswert, da sie neue methodische Ansätze in die Forschung einge- bracht haben. Zusätzlich haben sie eine größere Diskussion ausgelöst, die im Einzel- nen bei W. Schier zusammengefasst ist14. 2.1 Geographische Informationssysteme Die Produktion der ersten kommerziellen Röhrencomputer in den 1950er Jahren lieferte die Grundlage für die Entwicklung von Geographischen Informationssys- temen (GIS). Ein solches GIS besteht aus zwei Komponenten. Zunächst enthält es eine Datenbank, die vor allem mit georeferenzierten Daten umgehen kann und für dessen Verwendung optimiert ist. Darüber hinaus ist eine Vielzahl an Werkzeugen implementiert, um die verfügbaren Daten zu analysieren. Hierbei handelt es sich in 9 Clarke 1977, 3; Wheatley/Gillings 2002, 5 10 Willey 1953; Phillips u. a. 1951 11 Wheatley/Gillings 2002, 6 12 Wheatley/Gillings 2002, 6-8 13 Sielmann 1971; Linke 1976 14 Schier 1990, 13-14 FORSCHUNGSGESCHICHTE 5 der Regel um defi nierte Algorithmen zur automatisierten Berechnung15. Der erste Versuch, kartographische Daten mit Hilfe eines Computers zu verarbei- ten, wurde 1950 vom Institute of Terrestrial Ecology in England unternommen. Mit Hilfe eines Lochkartensystems wurden etliche verschiedene Pfl anzenarten sortiert und kartiert. In den 1960er und 70er Jahren wurde dann erstmals eine größere Anzahl an Com- puterprogrammen geschrieben, um geographische Karten aus digitalen Daten zu er- zeugen. Bereits früh wurden einige dieser Programme in der Archäologie eingesetzt, wenngleich die technischen Voraussetzungen enorm waren16. Das erste GIS im eigentlichen Sinne wurde Anfang der 1960er Jahre vom kanadi- schen „Department of Forestry and Rural Development“ entwickelt. Aufgrund des großen Erfolgs begannen in den folgenden Jahren viele US-amerikanische Staaten mit der Entwicklung eigener Systeme. Während in Kanada die Verwaltung landwirt- schaftlicher Nutzfl ächen im Vordergrund stand, wurde das GIS in den USA für um- fangreiche urbane Planungen benötigt. Spätestens jetzt waren geographische Infor- mationssysteme nicht mehr aus der Verwaltung und Forschung wegzudenken. So ist es kaum verwunderlich, dass bereits in den frühen 1970er Jahren die Firma ESRI mit speziell zugeschnittenen GIS-Anwendungen einen kommerziellen Markt begründete, der bis heute besteht17. Heute ist der Einsatz von geographischen Informationssystemen auch in der Ar- chäologie ein fester Bestandteil. In der Denkmalpfl ege hat GIS die klassische Kar- te bei der Inventarisierung und Pfl ege der Fundstellen bereits fast vollständig ver- drängt. Zudem wird es im Bereich der vorausschauenden Bodendenkmalpfl ege, dem sogenannten „Predictive modelling“, eingesetzt. Auf diese Weise lassen sich etwa Prognosekarten für die Fundstellenwahrscheinlichkeit erstellen. Aber auch in der deutschsprachigen Forschung wird immer häufi ger mit GIS gearbeitet18. Gute Bei- spiele hierfür sind die Arbeiten von Hinz und Schuppert19. Durch die Verbreitung von Open Source Software existieren inzwischen auch eine Vielzahl guter GIS Anwen- dungen, wie etwa GRASS oder QGIS, die für den Nutzer kostenfrei zu beziehen sind. Vor diesem Hintergrund entstehen zunehmend auch universitäre Abschlussarbeiten in diesem Bereich20. 15 Eine umfangreiche Defi nition fi ndet sich bei Wheatley/Gillings 2002, 9-11 16 Wheatley/Gillings 2002, 14; Upham 1979 17 Wheatley/Gillings 2002, 14-16 18 Eichfeld 2005, 5 19 Hinz 2014; Schuppert 2013 20 Bsp. Mischka 2007; Posluschny 2002 FORSCHUNGSGESCHICHTE 6 2.2 Zum Forschungsstand in Bayern Betrachtet man die Situation in Bayern, so stehen bei den Arbeiten mit siedlungs- archäologischen Fragestellungen wohl die Werke von H. Zeiß und W. Hülle am An- fang21. Beide orientieren sich klar an der oben genannten richtungsweisenden Arbeit von E. Wahle. Sie versuchten die vorgeschichtliche Siedlungswahl mit geographischen Parametern zu erklären. Da sich jedoch die archäologische Landesaufnahme in Süd- deutschland aus verschiedenen Gründen nie durchgesetzt hat, blieb die Vorlage um- fangreicher Werke lange aus. Erst 1957 legten G. Kossack und K. Brunnacker ihre Untersuchung von 122 Fundstellen aus dem Donautal zwischen Straubing und Deg- gendorf vor22. Als nächstes sind die beiden umfangreichen Arbeiten von W. Schier zum südlichen Maindreieck und von K. Schmotz zum Isarmündungsgebiet zu nennen23. Auch die Arbeit von S. Gerlach zur vorrömischen Besiedlung der Mittelgebirge reiht sich hier ein, kann sie doch auf beeindruckende Weise verschiedene Siedlungstypen anhand einer Seriation von Umweltparametern herausarbeiten24. Begünstigt wurden diese Ar- beiten sicherlich in erster Linie durch das Aufkommen der Luftbildarchäologie25, die in Bayern seit 1980 fester Bestandteil der amtlichen Denkmalpfl ege ist. Der sprung- hafte Anstieg der Fundstellen war eine Grundvoraussetzung für umfassende Kartie- rungsarbeiten. Die Verwendung von weiteren Geodaten und deren Analyse mittels eines GIS sind jedoch nach wie vor ein seltenes Bild. Neben einigen Arbeiten aus dem Bundes- gebiet26 existiert für Bayern eine umfangreiche Untersuchung von A. Posluschny zur Hallstattzeit im Maindreieck27. In seiner Dissertation befasst sich Posluschny jedoch nur mit einer Epoche. Sie zeigt einen Trend der vergangenen Jahre, bei dem immer größere Datenmengen ausgewertet werden, deren räumliche und/oder zeitliche Di- mensionen jedoch zugunsten der Bearbeitbarkeit reduziert werden. Arbeiten zur sied- lungsarchäologischen Kontinuität und Diskontinuität größerer Räume mit mehreren Epochen wurden für Bayern bisher noch nicht vorgelegt. 21 Zeiß 1927; Hülle 1932 22 Brunnacker/Kossack 1957 23 Schier 1990; Schmotz 1989 24 Gerlach 1992 25 Braasch 1983; Friesinger 1984 26 Eichfeld 2005; Hinz 2014; Saile 1998 27 Posluschny 2002 UNTERSUCHUNGSGEBIET 7 3 Untersuchungsgebiet 3.1 Chronologischer Rahmen Im Rahmen dieser Arbeit wurden Fundstellen vom Paläolithikum bis zum Ende der Latènezeit aufgenommen. Obwohl ein Vergleich mit den römischen Siedlungs- plätzen sicherlich reizvoll gewesen wäre, wurde darauf verzichtet, den zeitlichen Rah- men noch weiter zu spannen. Spuren des Altpaläolithikums (ca. 600.000 – 300.000 vor heute) sind in Bayern bis- her nur sehr vereinzelt nachzuweisen28. Von verschiedenen Sedimentabfolgen, welche das gesamte Mittelpleistozän abdecken, sind bislang leider nur wenige Fundstücke geborgen worden29. Diese werden noch dazu inzwischen mehrheitlich als Geofak- te angesehen30. Hinzu kommen etliche Einzelfunde von Faustkeilen, die sich jedoch aufgrund der fehlenden stratigraphischen Zuordnung einer exakten Datierung ent- ziehen31. Erst für das Mittelpaläolithikum (ca. 300.000 – 40.000 vor heute) gibt es in Bayern sichere Belege von menschlichen Aktivitäten. So fi nden sich an vielen Fundorten Faustkeile, die noch Anklänge des Acheuléen aufweisen32. Der älteste Menschenfund in Bayern ist der Backenzahn eines Neandertalers aus der Sesselfelsgrotte bei Essing, dessen Alter aufgrund des Schichtzusammenhangs mit mindestens 70.000 Jahren an- gegeben werden kann. Von demselben Fundort stammen noch weitere Fragmente, die jedoch deutlich jünger sind33. Auch das Ende des Mittelpaläolithikums ist belegt und weist eine Vielzahl an Fundorten auf, die der Blattspitzen-Gruppe zugewiesen werden können34. Das Jung- und Spätpaläolithikum (ca. 40.000 – 10.000 vor heute) lässt sich in Bay- ern durch eine große Anzahl an Fundstellen nachweisen35. Für den Übergang zum Mesolithikum waren in Süddeutschland lange Zeit eine Vielzahl an Bezeichnungen in Gebrauch. Eine gute Übersicht zum aktuellen Forschungsstand in Nordbayern gibt unter anderem die Arbeit von M. Beck36. Das Mesolithikum beginnt in Mittel- und Süddeutschland per Defi nition mit dem Beginn des Holozäns. Umfangreiche Grabungen wurden etwa am Hopfensee und in 28 In den ausgewerteten Daten sind lediglich 12 Fundstellen als altsteinzeitlich vermerkt. 29 Strunk 1990 30 Steguweit 2011, 44 31 Freund 1977; Zotz 1965 32 Siehe u.a. Freund 1969; Burger 1982 33 Kupczik/Hublin 2010 34 Siehe u.a. Schönweiß/Werner 1986; Weißmüller, Wolfgang 1995 35 Siehe u.a. Weißmüller, Wolfgang 1987; Reisch, Ludwig 1974; Mü ller-Beck 1982 36 Beck u. a. 2009 UNTERSUCHUNGSGEBIET 8 Sarching durchgeführt37. Etwa um 5.500 v. Chr. fängt in Bayern mit der Linearbandkeramik das Früh- bzw. Altneolithikum an38. Die bisher ältesten 14C-Daten stammen vom Fundplatz Schwan- feld in Mainfranken39. Aus der Linearbandkeramik heraus entwickelt sich dann ab 4.900 v. Chr. die mit- telneolithische Stichbandkeramik40. Etwas später ab ca. 4.800 v. Chr. entsteht in Nie- derbayern die Gruppe Oberlauterbach. Eine erste Gliederung dieser Epoche, die in Teilen auch gelegentlich Südostbayrisches Mittelneolithikum genannt wird, hat K. Hauptmann vorgelegt41. In Unter- und Mittelfranken ist zu dieser Zeit die Groß- gartacher Kultur verbreitet42. Um ca. 4.500 v. Chr. setzt dann mit der Münchshöfener Kultur das Jungneolithi- kum ein. Hierhin gehören auch die ersten Nachweise von Kupferobjekten in Bayern43. In dieser Zeit erscheinen die archäologischen Kulturen auch stärker regional ausge- prägt, was zu einer Vielzahl an parallel existierenden Gruppen führt. Anhand großer Mengen an 14C- und dendrochronologische Daten der Altheimer Gruppe lässt sich das Ende des Jungneolithikums jedoch sehr sicher in den Zeitraum um 3.400 v. Chr. datieren44. Die Datierung der nachfolgenden Chamer Kultur basiert im Wesentlichen auf 14C-Daten, von denen die meisten vom Galgenberg stammen und in die Zeit von 3.100 bis 2800 v. Chr. fallen45. W. Stöckli spricht sich nach einer erneuten Durchsicht der Daten dafür aus, die gesamte Fundstelle Galgenberg zeitlich enger zu datieren und rückt sie in das 29. Jh. v. Chr.46. Weitere Daten legen ein Ende der Kultur um etwa 2.700 v. Chr. nahe47. Chronologisch gesehen also noch zum Spätneolithikum zugehörig, wie es von Lüning defi niert wurde48, wird sie verschiedentlich auch bereits als endneolithisch bezeichnet49. Die aufgrund der 14C-Daten entstandene Lücke von einigen hundert Jahren zwi- schen Altheim und Cham kann bisher noch nicht zufriedenstellend geschlossen 37 Berg-Hobohm 2006; Heinen 2005 38 Auf die Diskussion zum Thema Migration von Personengruppen oder Ideen am Beginn des europäischen Neolithikums soll an dieser Stelle verzichtet werden. 39 Lüning 2011; Siehe auch: http://radon.ufg.uni-kiel.de/samples?scope%5Bsites.id%5D=162 (letzter Aufruf 6.11.2015) 40 Eibl 2011 41 Hauptmann 1976 42 Biermann/Richter 1997 43 Böhm/Pielmeier 1994 44 Stöckli 2009, 147-148 45 Ottaway/Bolten 1999, 240-243 46 Stöckli 2009, 149 47 Stöckli 2009, 148-152 48 Lüning 1996 49 Etwa bei Gohlisch 2005 UNTERSUCHUNGSGEBIET 9 werden. Es gibt aus Niederbayern einige Fundstellen mit Material, welches starke Ähnlichkeit zur Keramik der klassischen Badener Kultur aufweist, und vermutlich chronologisch in eben jene Lücke fällt. Dies deuten zumindest die 14C-Daten aus Österreich an50. Das Verhältnis zu Altheim und Cham lässt sich bislang jedoch nicht klären51. Die Phase kultureller Kleinteiligkeit wird dann mit der Schnurkeramik und der Glo- ckenbecherkultur beendet. Das älteste 14C-Datum der bayerischen Schnurkeramik da- tiert um 2.770 v. Chr. und stammt aus Kelheim52. Inzwischen liegen, zumeist aus Grä- bern, einige 14C-Daten vor und deuten auf ein Ende um etwa 2.200 – 2.100 v. Chr. hin53. Etwas zeitversetzt erstreckt sich die Glockenbecherkultur von ca. 2.500 – 2.000 v. Chr. und weist somit eine zeitliche Überschneidung mit der Schnurkeramik auf. Hinweise auf Kontakte sind jedoch äußerst selten54. Die Frühbronzezeit ist in Bayern vor allem durch die Straubinger Gruppe vertre- ten. Auf die Diskussion darüber, wie präzise diese Defi nition letztendlich ist, soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Auch die Stufeneinteilung der süddeut- schen Bronzezeit nach P. Reinecke55 und F. Holste56 soll hier ebenfalls nur am Rande erwähnt werden, da die vorgeschlagenen Stufen in der Fundstellenaufnahme des Lan- desamtes nicht vorkommen. Radiokarbondaten legen eine Laufzeit von etwa 600 Jahren (ca. 2.200 – 1.600 v. Chr.) nahe57. Daten aus der Schweiz und Baden-Württemberg liegen ebenfalls in diesem Bereich und lassen evtl. eine Laufzeit bis ca. 1.550 v. Chr. vermuten58. Die anschließende Mittelbronzezeit – verschiedentlich als Hügelgräberbronzezeit bezeichnet – läuft irgendwann nach 1.300 v. Chr. aus, wobei gelegentlich auch ein etwas früherer Beginn der Spätbronzezeit bereits im 14. Jh. diskutiert wird59. Diese erstreckt sich etwa von der Mitte des 14. Jh. bis ca. 740 v. Chr. und lässt sich nach L. Sperber in mindestens sieben Phasen untergliedern60. In der Fundstellenbeschrei- bung des Landesamtes wird die Urnenfelderzeit verschiedentlich noch in eine ältere und eine jüngere Phase unterschieden, ohne dass hier ersichtlich ist, um welche Zeit- stufen es sich handelt. Während der frühen Urnenfelderzeit (Bz D – Ha A1) lässt 50 Stadler 1995, 222, Abb. 8 51 Blaich 1997 52 Stöckli 2009, 153, Tab. 90 53 Engelhardt 2011, 162 54 Engelhardt 1991, 69 und 81-82 55 Reinecke 1902 56 Holste 1953 57 Möslein 2001, 19, Tab. 1 58 Hafner/Suter 2003, Abb.12; vgl. auch: Hochuli u. a. 1994 59 Della Casa/Fischer 1997 60 Sperber 1987, 253-255, sowie Tabelle auf 254 UNTERSUCHUNGSGEBIET 10 sich für das niederbayerische Donautal ein Bevölkerungsrückgang ausmachen61. Ob dies in den anderen Regionen Bayern ebenfalls anzunehmen ist, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Der letzte große chronologische Block ist die Vorrömische Eisenzeit. Diese unter- gliedert sich in die Hallstattkultur und die Latènezeit. Der Beginn der Hallstattkultur in Bayern ist durch Holzfunde aus dem Wagengrab 8 aus Wehringen recht genau zu datieren. Während das Fundmaterial vielfach noch urnenfelderzeitliche Anklänge auf- weist, sind Anordnung und Auswahl des Trinkgeschirrs eindeutig der Hallstattkultur zuzuordnen. Das gewonnene Dendrodatum von 778 +/-5 v. Chr. stellt somit den zeitlichen Beginn der Eisenzeit dar. Vereinzelt lässt sich im Datenbestand der Zusatz ältere/jüngere fi nden. Hierbei können die Stufen Ha C und Ha D als Grundlage gel- ten. Meist ist jedoch nur eine allgemeine als hallstattzeitlich aufgeführte Datierung vorhanden. Etwa 450 v. Chr. endet die Hallstattzeit. Aufgrund des „Hallstatt-Pla- teaus“ ist anhand von Radiokarbondaten keine genauere Datierung möglich62. Ein umfangreiches Chronologieschema auf Grundlage von Importfunden fi ndet sich bei G. Kossack63. Der Übergang zur Latènezeit stellt sich in Bayern nicht als abrupter Wechsel dar, da vielfach bereits bestehende Siedlungen fortgeführt werden. So sind im Datenbe- stand die Siedlungsplätze oft mit der unklaren Datierung Späthallstattzeit/Frühlatè- nezeit versehen. Eine erste Gliederung dieser Epoche legte O. Tischler bereits 1885 vor64. Inzwischen liegt mit der Arbeit von H. Parzinger ein Chronologieschema für die Übergangszeit vor. Anhand von Importfunden und naturwissenschaftlichen Da- ten lässt sich dieser Horizont absolutchronologisch recht gut fassen65. Während der Mittellatènezeit (250 – 150 v. Chr.) fi nden sich in Bayern deutlich mehr Gräber als Siedlungen. Erst in der Spätlatènezeit kommen wieder vermehrt Siedlungen vor. Zudem fi nden sich nun auch Viereckschanzen in großen Teilen Bay- erns. Mit dem Zusammenbruch der Oppidazivilisation und dem Einwandern neuer Be- völkerungsgruppen, die von Caesar als Germani bezeichnet werden, fängt etwa um 80 v. Chr. die Endphase der Latènezeit an66, wobei häufi g ein etwas jüngerer Datie- rungsansatz bevorzugt wird67. Mit dem Alpenfeldzug 15 v. Chr. beginnt die römische Besiedlung im heutigen Bayern, welches in Teilen als Provinz Rätien dem Römischen 61 Schmotz 1989, s.100 62 Millard 2008, 257 63 Kossack 1959, 50-56 sowie Tab. 3 64 Tischler 1885 65 Parzinger 1989, 123-125 66 Rieckhoff 2008, 9 67 Siehe hierzu: Gebhard 1991 sowie Rieckhoff 2008, Abb. 7 UNTERSUCHUNGSGEBIET 11 Reich angeschlossen wird68. 3.2 Allgemeine geographische Grundlagen Die verwaltungstechnische Gliederung des Naturraums wird in Deutschland unter anderem von der Bundesanstalt für Landeskunde durchgeführt. Hierzu wurde in den Jahren 1953 – 1962 eine deutschlandweite Einteilung vorgenommen und in Form ei- ner Buchreihe publiziert69. Dabei wurde der Naturraum in sieben Abstufungen geglie- dert, wobei die Regionen 1. und 2. Ordnung als Großregionen angesprochen werden, die Regionen 3. und 4. Ordnung als Haupteinheitengruppen und Haupteinheiten. Bis in die 1990er Jahre wurden dann die Regionen der 5. bis 7. Ordnung in Form von Einzelblättern im Maßstab 1:200.000 aufgearbeitet und beschrieben. Im Rahmen ei- ner EU-Richtlinie hat A. Ssymank von 1992 bis 1994 die Haupteinheitengruppen neu zusammengefasst und mit einer veränderten Nummerierung versehen70. Die Gliede- rung von Ssymank hat sich jedoch nicht bei allen Landesämtern durchgesetzt. So ver- wendet das Bayerische Landesamt für Umwelt zwar die Hauptgruppen von Ssymank, gliedert die naturräumlichen Einheiten innerhalb dieser Hauptgruppen jedoch an- hand des Handbuchs der naturräumlichen Gliederung Deutschlands von E. Meynen. Die Analyse fand jedoch vorwiegend anhand physiognomischer Merkmale und nicht auf Basis ökologischer Kennzeichen statt71. Die in dieser Arbeit verwendete Kartierung der naturräumlichen Gliederung stammt vom Bayerischen Landesamt für Umwelt und kann auf deren Webseite kos- tenfrei bezogen werden72. Im Süden wird Bayern durch die Nördlichen Kalkalpen sowie die Schwäbisch-Ober- bayerischen Voralpen begrenzt und geht dann in nördlicher Richtung in das voralpine Moor- und Hügelland über. Nach Ssymank schließen sich hieran von West nach Ost die Donau-Iller-Lech-Platten und das unterbayerische Hügelland samt Isar-Inn-Schot- terplatten an. Die Nordhälfte Bayerns ist deutlich differenzierter in seiner naturräum- lichen Gliederung. Im Osten liegen an der sächsisch-thüringischen Grenze noch letz- te Ausläufer des Vogtlands und der Thüringisch-Fränkischen Mittelgebirge, die dann Richtung Süden zum Oberpfälzer und Bayerischen Wald werden und so die Grenze zur Tschechischen Republik bilden. Westlich hiervon geht das Gelände vom Ober- pfälzisch-Obermainischen Hügelland in die Fränkische Alb über. Diese fi ndet ihren 68 Schön 1986 vor allen 43-50 69 Meynen u. a. 1953 70 Ssymank 1994 71 Schönfelder 2010, 43 72 http://www.lfu.bayern.de/natur/naturraeume/index.htm (Letzter Aufruf: 8.06.2016) UNTERSUCHUNGSGEBIET 12 Abschluss in der Schwäbischen Alb und dem schwäbischen Keuper-Lias-Land. Wei- ter Richtung Nordwesten schließen sich zunächst das fränkische Keuper-Lias-Land sowie die Neckar- und Tauber-Gäuplatten an. Dieses geht dann in die Mainfränki- schen Platten über. Weiterhin fi nden sich im Grenzbereich zu Hessen die Ausläufer der Haupteinheiten „Odenwald, Spessart und Südrhön“, „Oberrheinisches Tiefl and und Rhein-Main-Tiefl and“ sowie „Osthessisches Bergland, Vogelsberg und Rhön“. Aufgrund der Größe des Untersuchungsgebietes kann eine kleinteilige Bespre- chung der naturräumlichen Umwelt an dieser Stelle nicht durchgeführt werden. Es zeigt sich jedoch, dass vor allem die Mittelgebirge und die verschiedenen Waldgebiete eine relativ geringe Fundstellendichte aufweisen (TAB. 1). 3.3 Vorgeschichtliche Umwelt Im Rahmen von landschaftsarchäologischen Untersuchungen spielt die vorge- schichtliche Umwelt immer eine wichtige Rolle. Im Folgenden soll daher geklärt wer- den, inwieweit sich die heutige Situation auf prähistorische Zeitstufen übertragen lässt. Haupteinheit Fläche in km2 Fläche in % Fundorte in % Fundorte Absolut Vogtland 266,631 0,38 0,01 1 Osthessisches Bergland, Vogelsberg und Rhön 465,538 0,66 0,12 16 Thüringisches-Fränkisches Mittelgebirge 2.782,27 3,94 0,59 80 Oberrheinisches Tiefl and und Rhein-Main-Tiefl and 196,596 0,28 0,49 67 Odenwald, Spessart und Südrhön 2.870,80 4,07 0,99 135 Mainfränkische Platten 4.510,06 6,39 13,61 1851 Neckar- und Tauberland, Gäuplatten 296,893 0,42 1,72 234 Schwäbisches Keuper-Liasland 347,838 0,49 3,88 527 Fränkisches Keuper-Liasland 8.658,39 12,27 15,15 2060 Schwäbische Alb 421,294 0,60 1,63 222 Fränkische Alb 7.505,75 10,64 17,77 2417 Oberpfälzisch-Obermainisches Hügelland 3.131,69 4,44 3,26 443 Oberpfälzer und Bayerischer Wald 7.518,04 10,66 4,35 591 Donau-Iller-Lech-Platten 5.732,69 8,13 5,43 739 Unterbayerisches Hügelland und Isar-Inn-Schotterplatten 14.353,58 20,34 28,48 3871 Voralpines Moor- und Hügelland 7.306,12 10,36 2,28 310 Schwäbisch-Oberbayerische Voralpen 2.856,16 4,05 0,18 25 Nördliche Kalkalpen 1.333,92 1,89 0,07 9 SUMME 70.554,27 100,00 100,00 13598 Tab. 1) In Bayern vorkommende Hauptgruppen nach Ssymank 1994, sowie die Verteilung der Fundorte UNTERSUCHUNGSGEBIET 13 3.3.1 Klima Mit dem Aufkommen der Paläobotanik in den 1940er Jahren gewinnt die Erfor- schung der Vegetations- und Klimageschichte zunehmend an Bedeutung73. Dennoch enthält H.J. Eggers Einführung in die Vorgeschichte von 1959 noch keinen Eintrag zum Thema Klima74. Erst mit dem Einfl uss der Prozessualen Archäologie rücken in den 60er und 70er Jahren auch in Europa naturwissenschaftliche Themen stärker in den Vordergrund. Ab den 1990er Jahren steigt die Zahl der Arbeiten mit klimati- schem Schwerpunkt deutlich an, was in erster Line an der nun leichter verfügbaren Menge an Klimadaten liegt. Vielfach bleibt es jedoch dabei, dass Klimaungunst als Faktor für den Zusammenbruch der Landwirtschaft angeführt wird. Die vermeintli- che Unfähigkeit prähistorischer Gesellschaften, solche Phasen zu überwinden, wird dabei jedoch zumeist ausgeklammert75. Auch die vorliegende Arbeit kann hier keine Ausnahme bilden. Durch den großen Untersuchungszeitraum ist es nicht möglich, sehr ins Detail zu gehen. Es soll vielmehr ein allgemeiner Überblick über die Entwick- lung der klimatischen Vorzugszonen während der einzelnen prähistorischen Epochen gegeben werden. Um Auswertungen bezüglich des Klimas zu treffen, stellt sich zunächst die Frage, inwieweit sich die heutigen Verhältnisse auf prähistorische Perioden übertragen las- sen. Aufgrund dieser Unsicherheit sind die klimatischen Umstände zumeist in gerin- gerem Maße berücksichtigt als die bodenkundlichen. Für die Vergleichbarkeit des heutigen Klimas mit dem Vorgeschichtlichen ist zu- nächst zwischen den absoluten Werten und der relativen Verteilung zu unterscheiden76. Verlässliche Angaben über die absoluten Niederschlagswerte und Temperaturen las- sen sich nicht treffen, obwohl es inzwischen möglich ist, die holozäne Klimaentwick- lung in Mitteleuropa einigermaßen grob zu umreißen77. Das Makroklima in Deutschland wird in erster Linie durch das Relief und den Westwinddrift beeinfl usst78. Hinzu kommen die Verteilung von Land und Meer sowie der Einfl uss durch Meeresströmungen79. Die Übertragbarkeit relativer Durchschnitts- werte rezenter Klimakarten ist also von der holozänen Stabilität dieser vier Fakto- ren abhängig. Das heute herrschende Windsystem scheint bereits seit dem Ende des Tertiärs zu bestehen80. Auch die anderen Faktoren werden im Holozän kaum noch 73 Siehe etwa Iversen 1949; Firbas 1949 74 Eggers 1959 75 Gronenborn 2005,4-6 76 Sielmann 1972, 1 77 etwa bei Firbas 1949, 47-53 und jüngst auch Davis u. a. 2003 sowie Sirocko 2009 78 Sielmann 1971, 233 79 Sielmann 1972, 2-4 80 Schwarzbach 1974, 158 UNTERSUCHUNGSGEBIET 14 eine prägnante Rolle bei der Beeinfl ussung des Klimas gespielt haben81. Daher wird man die heutigen klimatischen Bedingungen in ihrem relativen Verhältnis zueinander durchaus auf die Vorgeschichte übertragen können. 3.3.2 Gewässernetz Das Gewässernetzt ist seit der Vorgeschichte starken Veränderungen unterworfen, natürliche und künstliche Eingriffe haben die Flussläufe teils erheblich verändert. Die Feststellung ehemaliger Flussläufe lässt sich mit geologischen Methoden gut bestim- men, lediglich die chronologische Einordung erweist sich als schwierig. Weiterhin ist es möglich, mittels Satellitenfotos die Paläofl usslaufentwicklung relativchronologisch zu kartieren. Durch den Abgleich mit georeferenzierten historischen Karten lassen sich Anhaltspunkte für eine absolute Datierung fi nden82. Für das Arbeitsgebiet kann jedoch angenommen werden, dass die Abfl ussbahnen in starkem Maße durch das Relief vorgegeben sind. Hier ist also nur in geringem Um- fang mit großfl ächigen Verschiebungen von Flussläufen zu rechnen. Die heute zum Flusssystem gehörenden Talauen haben sich hingegen vermutlich erst im Laufe des Neolithikums herausgebildet. Durch die vom Ackerbau begünstigte Bodenerosion konnten eingeschwemmte Sedimente die Auenlehmdecke samt des ty- pischen Bewuchses ausbilden83. 3.3.3 Bodenverhältnisse Einen enormen Einfl uss auf die Siedlungsplatzwahl hat der Boden. Seine Zusam- mensetzung bestimmt die Vegetation und den Ertrag landwirtschaftlicher Tätigkeit. In weiten Teilen Mitteleuropas sind die heutigen Böden erst nach der letzten Eiszeit entstanden und somit weniger als 12.000 Jahre alt84. Die Ausprägung von Böden ist jedoch kein abgeschlossener Prozess, sondern stetiger Entwicklung unterworfen. Die wichtigsten Faktoren für die Bodenentwicklung sind Klima und Zeit, aber auch an- thropogene Einfl üsse sind seit dem Neolithikum verstärkt als Faktor zu berücksich- tigen. Anhand von Bodeneigenschaften und Horizontabfolgen lassen sich die Bö- den zu bestimmten Bodentypen zusammenfassen. Aufgrund der Weiterentwicklung von Böden entstehen Bodentypsequenzen, für Mitteleuropa etwa die Degradierung von Schwarzerde über Braunerde und Parabraunerde hin zu Pseudogleyen85. Diese 81 Sielmann 1972, 3-4 82 Zámolyi u. a. 2012 83 Küster 1996, 69 und 93-95 84 Scheffer/Schachtschabel 1998, 461 85 Doneus 2013, 53-55 UNTERSUCHUNGSGEBIET 15 Sequenzen werden häufi g verwendet, um eine vorgeschichtliche Verbreitung zu re- konstruieren. Eine Verschlechterung des Bodentyps, wie hierfür angenommen, muss aber nicht immer die Regel sein86. M. Doneus führt verschiedene Beispiele an, in denen anthropogene Einfl üsse zu einer Verbesserung der Bodenverhältnisse geführt haben87. Bodengenetische Prozesse laufen weiter und sind daher in ihrer Eigenschaft nicht mit den heutigen Verhältnissen vergleichbar. Insbesondere die oft untersuchte Bodengüte kann in der Vorgeschichte aufgrund von Düngemitteln starken Schwan- kungen unterlegen haben88. Auch die häufi g verwendete Reichsbodenschätzung bietet nur grobe Anhaltspunkte, da sie anhand von modernen Pfl anzen und Gerätschaften durchgeführt wurde89. Insgesamt sind also Untersuchungen zu prähistorischen Bo- denverhältnisse und ihrer Qualität nur bedingt durchführbar. Dennoch ist bei einer großen Zahl an Fundstellen mit statistisch belastbaren Zahlen zu rechnen, die zumin- dest eine grobe Vorstellung vorgeschichtlicher Gunsträume bieten. In Bayern wird die Kartierung der Bodentypen vom Bayerischen Landesamt für Umwelt durchgeführt. Man muss sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass viele Bodentypen in einer teilweise sehr kleinteiligen Verbreitung vorkommen. Bei unter- schiedlichen Kartierungsmaßstäben kommt es daher zu einer Generalisierung anhand von bestimmten Leitbodenformen. 3.3.4 Vegetation Ein weiterer wichtiger Faktor für die Untersuchung vorgeschichtlicher Siedlungs- muster ist die Vegetation. Anhand von verschiedenen Zeigerpfl anzen war es dem neolithischen Menschen möglich, landwirtschaftliche Gunsträume zu erkennen. Die Rekonstruktion der Vegetation fi ndet heute zumeist mittels Pollenprofi len statt. So war es etwa für die Eifel möglich, eine sehr detaillierte Vegetationsgeschichte des Holozäns zu ermitteln. Auch für das südliche Schleswig-Holstein konnte auf Basis des Pollendiagramms aus dem Belauer See eine umfangreiche Vegetations- und Sied- lungsgeschichte erarbeitet werden90. Dennoch gibt es verschieden Faktoren, welche die Interpretation der Pollenanalyse erschweren91. Da es für die Ablagerung von Pollen bestimmter Vorausetzungen bedarf, lassen sich aufschlussreiche Profi le nur punktuell gewinnen. Eine Rekonstruktion der Um- weltbedingungen ist aufgrund der Flugeigenschaften verschiedener Pollen nur für die 86 Scheffer/Schachtschabel 1998, 116 87 Doneus 2013, 112 88 Eckmeier u. a. 2011, 38 89 Linke 1979; Balfanz 2003, 121-123; Posluschny 2002, 76; kritisch dazu: Saile 1998, 24 90 Wiethold 1998, 126-144 91 Sirocko 2009, 19-24 UNTERSUCHUNGSGEBIET 16 nähere Umgebung des gewonnenen Profi ls mit Sicherheit zu treffen. Hierbei muss berücksichtig werden, dass die eingetragenen Pollen unterschiedliche Flugweiten be- sitzen92. Auch andere Faktoren wie saisonaler Windwechsel und Niederschlag haben einen Einfl uss auf das Pollendiagramm93. Somit ist die Pollenanalyse zwar eine gute Methode zur Rekonstruktion vorge- schichtlicher Umweltverhältnisse, sie lässt sich aber bei großfl ächigen Untersuchungen nur vor dem Hintergrund der angesprochenen Einschränkungen anwenden. Daher existieren auch keine verwertbaren Daten, die im Folgenden für eine Untersuchung der prähistorischen Siedlungslandschaft herangezogen werden könnten. Es ist zudem darauf hinzuweisen, dass die Vegetation und der vorgeschichtliche Mensch sich auch immer wechselseitig beeinfl usst haben. Dies ist zum Beispiel an der Geschichte der Wälder ab dem Beginn des Neolithikums zu erkennen. Ihr Erschei- nungsbild wird wesentlich durch anthropogene Einfl üsse geprägt94. 3.4 Verkehrsgeographische Situation Relevant für das Siedlungsverhalten der vorgeschichtlichen Menschen war sicher- lich auch die verkehrsgeographische Situation. So wie heute eine gute Anbindung an das großräumige Verkehrsnetz die Entstehung neuer Wohngebiete fördert, war es in der Vorgeschichte sicherlich die Nähe zu regelmäßig genutzten Austauschrouten. Der Nachweis solcher Wegesysteme stellt die Archäologie jedoch vor große Herausforde- rungen. Während die Altwegeforschung für das Mittelalter dank schriftlicher Quellen relativ gesichert ist, ist die Erkennung und Datierung prähistorischer Wegesysteme oftmals nur schwer durchzuführen95. Eine besonders gut erforschte Handelsroute ist der sogenannte „Goldene Steig“. Dieser aus verschiedenen Saumpfaden entstandene Handelsweg verband ab dem Mit- telalter Böhmen mit der Donau. Seine erste indirekte Erwähnung fi ndet er in einer Urkunde aus dem Jahr 101096. Gehandelt wurde in erster Linie Salz aus Reichenhall sowie Hallein nach Böhmen und Korn als Rückfracht. Einen direkten archäologi- schen Beleg für die Nutzung dieser Wegeverbindung in der Vorgeschichte gibt es bislang nicht. L. Pauli führt jedoch eine Vielzahl an Fundstellen mit etruskischen Importen an, die sich von Salzburg nach Passau entlang der Flüsse Salzach und Inn verteilen. Auch nördlich des Böhmerwaldes fi nden sich Importfunde entlang einer 92 Frenzel 1969 93 Adamczyk 2011, 4 94 Küster 1998 95 Auer 1999, 43-44 96 Kerscher 2012, 319; Eine gute Zusammenfassung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handels fi ndet sich bei Pauli 1974, 128-131 UNTERSUCHUNGSGEBIET 17 Kette aufgereiht, so dass von einer latènezeitlichen Nutzung des Goldenen Steigs aus- gegangen werden kann97. Eine Verlängerung des Handelsweges entlang der Flüsse bis in die Alpen erscheint ebenfalls als relativ sicher. Donauaufwärts fi ndet sich bei Strau- bing möglicherweise eine weitere Verbindung über den Bayerischen Wald in Richtung Böhmen. So gibt es über Stallwang, Cham und Furth eine Schneise, die anscheinend in der Eisenzeit genutzt wurde98. Von Handelswegen über die Bergkette des Böhmer- waldes spätestens seit der Eisenzeit darf also ausgegangen werden99. A. Lang unterstreicht die bereits angesprochene Nutzung des Inntals als Handels- weg und führt die Route weiter bis nach Tirol. Entlang einzelner Verkehrsstrecken durch die Alpen fi nden sich entsprechende eisenzeitliche Belegfunde. Auch für den römischen Alpenfeldzug 16/15 v. Chr. spielte das Inntal eine wichtige Rolle100. Sichere Belege für Routen und Austausch entlang der alpinen Täler fi nden sich jedoch bereits im Jungneolithikum. So konnte A. Tillmann anhand von Silexdolchen aus oberitali- enischem Rohmaterial einen transalpinen Austausch mit dem Südbayerischen Raum nachweisen101. Ausgehend von Belegen aus dem Inntal werden Flüsse häufi g ganz allgemein als Verkehrs- und Kommunikationswege angesehen. Diese grundsätzliche Annahme gilt aber sicherlich nicht immer und beruht in erster Linie auf unserem heutigen Bild von Flüssen. In vormoderner Zeit waren Flüsse durch ihre fehlende Regulierung jedoch oftmals auch unpassierbare Hindernisse – etwa im Frühjahr nach der Schneeschmelze, oder bei starken Regenfällen. Für Bayern fehlen detaillierte Untersuchungen zur prä- historischen Bedeutung von Flussläufen noch. Das von E. Gringmuth-Dallmer un- tersuchte Odergebiet brachte jedoch einige interessante Ergebnisse. Er konnte nach- weisen, das das Flussgebiet zu allen Zeiten als Kommunikationsweg gedient hat102. Weiterhin führt er neben einigen Einbäumen auch Flussfunde als direkten Beleg für Handelsaktivität auf dem Fluss an103. Für einen Abschnitt der Donau in Niederbayern hat K. Powroznik die bislang bekannten Flussfunde vorgelegt104. Eine Vielzahl der Objekte ist vermutlich als unabsichtlicher Verlust in den Fluss gekommen. Intensiv mit dieser Fundgattung hat sich auch W. Torbrügge auseinander gesetzt105. Zusätzlich fi nden sich auch immer wieder Schiffereisen, die zum Flößen von Holz verwendet 97 Pauli 1974, 116-126; Siehe hierzu auch Stöllner 2002 98 Tappert 2002 99 Wie dieser Handel im Einzelnen Ausgesehen hat, soll hier nicht thematisiert werden. Siehe dazu: Salač 2006 100 Lang 2002 101 Tillman 1993 102 Gringmuth-Dallmer 2007, 64 103 Gringmuth-Dallmer 2007, 66 104 Powroznik 2014 105 Torbrügge 1970 UNTERSUCHUNGSGEBIET 18 wurden. Die Objekte sind anhand von Vergleichsfunden als latènezeitlich anzuspre- chen und belegen ganz deutlich die Nutzung der Donau für den Handel106. Natürlich ist eine klare Abgrenzung zwischen verlorenen und geopferten Funden nicht immer möglich. Sichere Indikatoren für Kommunikations- und Handelsnetze sind Importfunde. Wie für das Inntal bereits belegt, fi nden sich bei E. Gringmuth-Dallmer auch für das Odergebiet über weite Entfernung verhandelte Objekte. Er führt hier vor allem den Bernsteinhandel fl ussaufwärts über die sogenannte „Bernsteinstraße“ an107. Für die Donau gibt es eine Zusammenstellung der Ergebnisse durch G. Kossack. Er stellt dar, dass der Fluss seit dem Altneolithikum den Kontakt und Austausch zwi- schen den verschiedenen Kulturen und Regionen erleichtert hat. Seit den Metallzeiten ist er auch verschiedentlich für Binnen- und Fernverkehr verwendet worden. Erstmals wurde er jedoch in der römischen Zeit zu einer durchgehenden Schifffahrtsstraße108. 3.5 Modellregionen Im Laufe dieser Arbeit sollen drei Modellregionen genauer betrachtet werden. Um eine Auswahl zu treffen, wurde in ArcGIS eine Kerndichteschätzung (Kernel Densi- ty Estimation) durchgeführt109. Als Ausgangspunkt diente die Kartierung sämtlicher Fundorte. Anschließend wurden auf Basis der Kernel Density (KARTE 2) drei Mo- dellregionen ausgewählt. Hierbei standen Gebiete mit einer besonders hohen Fund- ortdichte im Fokus (TAB. 2). Die Abgrenzung der Modellregionen erfolgte anhand von Landkreisen und Gemeindegrenzen, deckt sich jedoch auch häufi g mit einzelnen Naturräumen. Beim Vergleich der Verteilung der Fundstellen zeigt sich, das die Auswahl der Mo- dellregionen anhand der Density Kartierung erfolgreich war. So weisen die drei Ge- biete – im Vergleich zu ganz Bayern – das zwei- bis sechsfache an Fundstellen auf. 106 Powroznik 2014, 61 107 Gringmuth-Dallmer 2007, 66; Kritisch hierzu auch Bukowski 1990. Er sieht die Bernsteinstraße eher als eine allgemeine Umschreibung für interkulturellen Austausch. 108 Kossack 1989, 183-185 109 Basis für die Kernel Density Funktion in ArcGIS ist Silverman 1998, 76, Gleichung 4.5 Arbeitsgebiet Fläche Fläche % Fundorte Fundorte % Fundstellen Fundstellen % Gesamt Bayern 70.419,81 100,00 13598 100,00 26643 100,00 Niederbayern 7.080,87 10,06 3063 22,53 8364 31,39 Maindreieck 2.374,34 3,37 1290 9,49 2302 8,64 Ries 767,185 1,09 755 5,55 1612 6,05 Tab. 2) Prozentuale Verteilung der Fundorte und Fundstellen in den einzelnen Modellregionen im Ver- gleich mit der Grundfl äche UNTERSUCHUNGSGEBIET 19 Insgesamt umfassen die Modellregionen 14,52 % der Fläche Bayerns. Innerhalb die- ses Bereichs liegen 37,57 % der Fundorte und mit 46,08 % sogar fast die Hälfte aller nach Zeitstellung und Typ differenzierter Fundstellen. 3.5.1 Niederbayern Die Modellregion Niederbayern umfasst im Wesentlichen die Landkreise Deggen- dorf, Dingolfi ng-Landau, Kelheim, Landshut, Regensburg und Straubing-Bogen, so- wie die zugehörigen kreisfreien Städte Landshut, Regensburg und Straubing. Mit 7.080 km2 ist die Region mehr als doppelt so groß wie die beiden anderen zu- sammen. Es handelt sich um dasselbe Gebiet, das bereits im Zuge einer vorhergehen- den Masterarbeit verwendet wurde110. Ziel war es hier, eine Fläche südlich der Donau zu umschließen, die alle altheimzeitlichen Erdwerke beinhaltet. Daher erstreckt sich die Ausdehnung auch etwas über die sehr funddichten Bereiche hinaus. Für die Bronze- und Hallstattzeit existieren vergleichende Studien, die allesamt am Ende des vergangenen Jahrhunderts vorgelegt wurden111. Eine Übersicht über sämtliche Epochen bietet die landschaftsarchäologische Arbeit von K. Schmotz zum Isarmündungsgebiet112. 3.5.2 Maindreieck Die Modellregion Maindreieck besitzt eine Fläche von 2.374 km2. Die Region be- fi ndet sich im Regierungsbezirk Unterfranken und setzt sich aus großen Teilen der Landkreise Kitzingen, Main-Spessart, Schweinfurt und Würzburg, sowie den beiden kreisfreien Städten zusammen. Das Arbeitsgebiet ist in wesentlichen Teilen deckungs- gleich mit dem von A. Posluschny untersuchten Gebiet. Während bei Posluschny die Grenzen im Norden und Osten anhand der Blattgrenzen der Karte zur naturräum- lichen Gliederung gezogen wurden, sind in dieser Arbeit die Gemeindegrenzen ver- wendet worden. Lediglich nach Süden erstreckt sich Posluschnys Arbeitsgebiet etwas weiter und reicht bis in den Regierungsbezirk Mittelfranken und nach Baden-Würt- temberg hinein. Da von Posluschny aus organisatorischen Gründen jedoch nur die Fundstellen in Unterfranken ausgewertet wurden, sind die beiden Modellregionen sehr gut miteinander zu vergleichen113. Eine ausführliche Zusammenfassung der bisherigen Forschung in der Region fi n- 110 Fender 2013 111 Hochstetter 1980; Pfauth 1998; Stork 2004 112 Schmotz 1989 113 Posluschny 2002, 7 und Abb. 1 UNTERSUCHUNGSGEBIET 20 det sich bei R. Obst114. 3.5.3 Ries Die Modellregion Ries besteht überwiegend aus dem westlichen Teil des Land- kreises Donau-Ries, sowie kleinen Teilen der Landkreise Weißenburg-Gunzenhausen und Dillingen an der Donau. Mit einer Fläche von 767 km2 ist sie die kleinste der drei Arbeitsgebiete. Ihre Geomorphologie entstand durch einen Meteoriteneinschlag, welcher den 20 – 25 km breiten Krater entstehen ließ115. Durch die günstige Lage als Durchbruch zwischen fränkischer und schwäbischer Alb war die Modellregion in al- len vorgeschichtlichen Epochen dicht besiedelt. Es existieren bereits einige übergreifende Arbeiten zur Vorgeschichte des Nördlin- ger Rieses. Diese behandeln jedoch immer nur einzelne Epochen. Den Anfang macht hier sicherlich die Arbeit von E. Frickhinger zu den spätneolithischen Siedlungen116. Der Steinzeit allgemein widmen sich W. Dehn und E. Sangmeister in Form eines Museumskataloges117. Die Metallzeiten wurden in jüngerer Zeit in den Materialheften zur bayerischen Vorgeschichte publiziert und sind in drei Bänden von der Bronze- bis zur Latènezeit unterteilt118. Eine epochenübergreifende Betrachtung der Siedlungsge- schichte im Nördlinger Ries steht jedoch noch aus. 114 Obst 2012, 39-50 115 Hüttner/Schmidt-Kaler 1999 116 Frickhinger 1924 117 Dehn/Sangmeister 1954 118 Ludwig-Lukanow 1983; Fries 2005; Bick 2007 QUELLENKRITIK 21 4 Quellenkritik Die vorliegende Untersuchung basiert auf der digitalen Fundstellenerfassung des bayerischen Landesamtes für Denkmalpfl ege. Hierbei wurde jedoch nicht auf die Daten des Fachinformationssystems (FIS) zurückgegriffen. Vielmehr wurden die in PDF-Form veröffentlichten Informationen der bayerischen Denkmalliste verwen- det119. Diese Daten sind in einigen Fällen weniger genau als die Informationen aus dem FIS. Außerdem liegen die Fundstellen aus der bayerischen Denkmalliste ledig- lich als Punktdaten vor, wohingegen sie im FIS als Polygondaten vorliegen. Da die Shapefi les jedoch oftmals nur die Ausdehnung der Bautätigkeiten widerspiegeln und nicht die eigentliche Größe der Fundstelle, schien hier kein besonderer Informations- gewinn zu erwarten. Letztendlich fi el die Entscheidung aufgrund ihrer freien Verfügbarkeit zugunsten der etwas ungenaueren Daten. Ziel dieser Arbeit ist es, den möglichen Erkenntnisge- winn durch Untersuchungen mit offenen, für Daten und Programmen aufzuzeigen. Hierfür erschien es sinnvoll, bereits bei der Fundstellenaufnahme lediglich auf solche Daten zurückzugreifen. 4.1 Theorie der Fundüberlieferung Verbreitungskarten sind eine typische Darstellungsform in der Archäologie. Auch in der vorliegenden Arbeit bildet die Kartierung von Fundstellen die Grundlage für die Auswertung weiterführender Fragestellungen. Die zugrundeliegende Problematik dieser Darstellung wurde bereits 1921 von E. Wahle angesprochen120. Ausführlicher widmet sich auch A. Daubner dem Thema und fasst das Problem des Aussagewertes von Fundkarten in zwei Fragen zusammen. Es gilt für ihn zu klären, ob die Kartierung eine zufallsbedingte Auswahl darstellt, oder ob ihre Verteilung einer erkennbaren Gesetzmäßigkeit folgt121. Ein Faktor der schon früh berücksichtigt wurde, ist die unterschiedlich starke For- schungsintensität, etwa durch ehrenamtliche Begängertätigkeit122. Dieser Umstand kann für das Untersuchungsgebiet nur sehr begrenzt berücksichtigt werden, wird aber durch die besonders große Zahl an ausgewerteten Fundstellen wieder aufgefangen. Die Wahl eines Siedlungsplatzes wird jedoch noch durch eine ganze Reihe weiterer Aspekte beeinfl usst. Sie spiegelt Anpassungen und Bedürfnisse des vorgeschichtli- 119 http://geodaten.bayern.de/denkmal_static_data/externe_denkmalliste/html/regbezlist.html (Letzter Aufruf: 23.08.2015) 120 Wahle 1921, 34-37 121 Daubner 1950, 94 122 Posluschny 2002, 17-19 QUELLENKRITIK 22 chen Menschen an seine Umwelt wider und kann nicht immer klar quantifi ziert wer- den. Bestimmte geologische, klimatische oder anthropogene Einfl üsse können dafür sorgen, dass Fundstellen häufi ger oder seltener entdeckt werden. Trotz guter Erfor- schungsbedingungen spiegelt die archäologische Datengrundlage daher nicht immer – oder besser gesagt, fast nie – bedingungslos die prähistorische Situation wieder. Die Fundplätze sind starken natürlichen und anthropogenen Prozessen unterworfen. Neben Einfl üssen durch meteorologische und geologische Entwicklungen sind auch die landschaftlichen Umwandlungen durch Bauarbeiten und Rohstoffgewinnung zu berücksichtigen. So sind etwa Auffi ndungsmöglichkeiten von Fundstellen durch intensive Landwirt- schaft oder starke Bautätigkeiten begünstigt. In heute bewaldeten Gebieten hingegen ist stets eine deutlich geringere Fundstellendichte zu verzeichnen123, die so keineswegs der prähistorischen Wirklichkeit entsprochen haben muss. Wie weiter unten gezeigt wird, lässt sich dies auch in ganz Bayern deutlich erkennen. Neben diesen Faktoren ist es aber auch die selektive Platzwahl des Menschen, die das heutige Verteilungsmuster der Fundstellen maßgeblich beeinfl usst. Hierunter fallen neben den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen auch Entscheidungen, die nicht unmittelbar erfasst werden können, da es sich um soziokulturelle Gründe handelt. Auf diese Weise lassen sich drei Bereiche defi nieren, welche die Überlieferung von Fundstellen beeinfl ussen. Dies sind die Entstehungsbedingungen, auf die der vorgeschichtliche Mensch selber Einfl uss nimmt. Hier sind etwa Deponierungs- und Bestattungssitten als Beispiel zu nennen. Als zweites kommen die Erhaltungsbedin- gungen hinzu, welche in erster Linie durch anthropogene und geologische Prozesse beeinfl usst werden. Am Ende stehen die Auffi ndungsbedingungen. Neben der heu- tigen Landschaftsnutzung greift auch die archäologische Forschung selbst in diesen Prozess ein, etwa durch Surveys und Forschungsschwerpunkte124. 4.2 Fundstellenaufnahme Im Folgenden gilt es daher zu klären, inwieweit diese Prozesse die Datengrundlage dieser Arbeit beeinfl ussen. Hierfür ist es jedoch wichtig, zunächst auf die Fundstel- lenaufnahme einzugehen. In einem ersten Schritt wurden die online verfügbaren PDF Dateien, welche jeweils nur eine Gemeinde umfassen, auf Bezirksebene zusammengefasst. Danach erfolgte 123 Posluschny 2002, 16 und Diagr. 3 124 Hinz 2014, 191; Ludowici/Haßmann 2013 QUELLENKRITIK 23 eine Konsolidierung der Daten, indem sämtliche Baubefunde entfernt wurden und nur die „vermeintlich“ prähistorischen Bodenbefunde überblieben. Nach der Kon- vertierung in Microsoft Excel wurden die Daten überprüft und ihre Position wurde anschließend mit dem BayernViewer und der Denkmalnummer bestimmt125. In die- sem Zuge wurden sämtliche undatierten Fundorte aus der Liste herausgenommen. Es folgte eine Differenzierung nach Epochen und Typen. Zur weiteren Auswertung wur- den die Daten anschließend mittels QGIS in eine Shape-Datei überführt sowie für spätere Analysen in einer Datenbank hinterlegt und der Arbeit als CSV-Datei beige- fügt126. Im Folgenden wird zwischen Fundort und Fundstelle unterschieden. Hierbei bezeichnet der Fundort den über die Denkmalnummer identifi zierbaren Eintrag in den Daten des Landesamtes. Für die unterschiedlichen Epochen und Befundgattun- gen an einem Fundort wird der Begriff Fundstelle verwendet. Auf diese Weise stehen 13598 Fundorten nach der Klassifi zierung 26643 Fundstellen gegenüber (KARTE 1). Man muss sich hierbei jedoch darüber im Klaren sei, dass die Daten und deren Ergebnisse nicht als unumstößlich angesehen werden dürfen. Vielmehr werden die Daten vor dem Hintergrund einer bestimmten Hypothese ausgewertet und zusam- mengetragen. Zu große Abweichungen von der Erwartungshaltung können zu tech- nischen und inhaltlichen Korrekturen der Datensätze führen. Bezüglich der Daten- auswahl und deren Analyse ist daher ein möglichst transparentes Vorgehen wichtig127. 4.2.1 Zeitstellung Bezüglich der Zeitstellung konnten im Datenbestand 44 unterschiedliche Bezeich- nungen ausgemacht werden (TAB. 3, KARTE 8 - 42). Hierbei sei darauf hingewiesen, dass einzelne Epochen anhand ihres Fundmaterials besser erkannt werden als andere. Paläo- und mesolithische Epochen sind mit 3271 Fundstellen zu ca. 12 % vertreten. Allerdings sind nicht alle Zeitstufen innerhalb dieser Epochen gleichermaßen ver- treten. Die Fundstellendichte nimmt mit der Zeit zu und sorgt so für eine deutliche Überrepräsentation des Mesolithikums. Das Neolithikum ist mit 8246 Fundstellen zu ca. 31 % vertreten. Die einzelnen Zeitstufen sind stärker ausdifferenziert und weisen bei einigen archäologischen Gruppen nur sehr geringe Fundstellenzahlen auf. Insge- samt sind aber sämtliche neolithische Epochen ausreichend vertreten. Die Metallzeiten sind mit 15122 Fundstellen zu ca. 57 % vertreten. Die Bronze-, Hallstatt- und Latènezeit sind, mit unterschiedlicher Gewichtung innerhalb der ein- 125 Inzwischen nicht mehr verfügbar und durch den Bayern Atlas ersetzt. http://geoportal.bayern.de/bayernatlas-klassik (Letzter Aufruf: 30.11.2015) 126 http://dx.doi.org/10.17192/z2017.0774 127 Tillessen/Gutsmiedl-Schümann 2011 QUELLENKRITIK 24 zelnen Epochen, etwa zu gleichen Teilen vertreten. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass der Datenbestand in der Na- mensgebung nicht konsistent ist. So fi nden sich unterschiedliche Bezeichnungen wie etwa Endneolithikum und Kupferzeit nebeneinander. Auch ist die Datierung oftmals nicht präzise geklärt. Daher existieren in den Daten auch immer wieder Fundstellen, welche nur allgemein als neolithisch oder metallzeitlich defi niert sind. Fundstellen der Stichbandkeramik und der Oberlauterbacher Gruppe sind etwa Teilmengen des Süd- ostbayerischen Neolithikums. Auch kann nicht nachvollzogen werden, warum und wann im Datenbestand zwischen Spätbronzezeit und Urnenfelderzeit unterschieden wird. Diese inkonsistente Epochengliederung fi ndet sich an mehreren Stellen. Es ist dabei nicht möglich zu erkennen, ob es sich hierbei um bewusste Entscheidungen des Bearbeiters, einen Fehler bei der Eingabe oder Falschinterpretationen handelt. Die große Menge an Fundstellen lässt eine Einzelüberprüfung der Daten zwar nicht zu, jedoch kann über die hohe Zahl an Fundstellen eine gewisse Unschärfe, wie sie bei dieser Art der Datenerhebung entsteht, ignoriert werden. Inwieweit dies möglich ist, soll im weiteren Verlauf noch genauer untersucht werden. Für die Auswertung, auch vor dem Hintergrund verschiedener Modellregionen, wurde daher immer nur eine Zeitstellung FS Zeitstellung FS Zeitstellung FS Paläolithikum 199 Neolithikum 2980 Metallzeit 293 Altpaläolithikum 12 Linearbandkeramik 1449 Bronzezeit 2020 Mittelpaläolithikum 110 Mittelneolithikum 503 Frühbronzezeit 608 Jungpaläolithikum 82 SOB 11 Mittelbronzezeit 478 Spätpaläolithikum 125 Stichbandkeramik 529 Spätbronzezeit 362 Endpaläolithikum 339 Oberlauterbach 443 Urnenfelderzeit 3154 Mesolithikum 2404 Großgartacher Kultur 5 Urnenfelderzeit, ältere 89 Rössener Kultur 38 Urnenfelderzeit, jüngere 81 Michelsberger Kultur 38 Eisenzeit 48 Jungneolithikum 288 Hallstattzeit 3253 Münchshöfener Kultur 638 Hallstattzeit, früh 42 Altheimer Gruppe 424 Hallstattzeit, spät 300 Schussenrieder Gruppe 1 Latènezeit 1815 Polling 6 Frühlatènezeit 888 Mondsee Gruppe 2 Mittellatènezeit 187 Spätneolithikum 142 Jüngere Latènezeit 415 Chamer Kultur 140 Spätlatènezeit 1093 Endneolithikum 333 Schnurkeramik 120 Glockenbecherkultur 156 ∑ 3271 8246 15126 Tab. 3) Zeitstellung der untersuchten Fundstellen (FS), unterteilt in die Blöcke Paläo-/Mesolithikum, Neolithikum sowie Metallzeiten QUELLENKRITIK 25 defi nierte Teilmenge des Datenbestandes herangezogen. Hierbei war es wichtig, dass sich die Fundstellen möglichst gut in verschiedene Epochen gliedern ließen und eine gewisse Mindestmenge nicht unterschreiten. 4.2.2 Befundgattungen Aus der Fundstellenbeschreibung des Landes- amtes wurden 17 Befundgattungen herausgear- beitet (TAB. 4). Mit fast 70 % aller Einträge bilden die Siedlungen hierbei die größte Gruppe. 13 % entfallen auf Bestattungen, die sich in Hügel- gräber und sonstige Bestattungen untergliedern. Eine Trennung nach Körper- und Brandbestat- tungen ließ die Datengrundlage hingegen nicht zu. Zudem ist bei der Erwähnung von Bestat- tungen nicht immer defi niert worden, ob es sich um intra- oder extramurale Bestattungen handelt, zumeist ist aber von letzterem auszugehen. Die drittgrößte Gruppe bilden die paläo- und mesolit- hischen Freilandstationen, die im Fundbild über 11 % ausmachen. Sie fi nden sich jedoch in vielen der folgenden Auswertungen nicht wieder, da für die Analyse der Siedlungslandschaft zumeist die Entwicklung ab dem Frühneolithikum betrachtet wird. Danach folgen weitere Kategorien, die aufgrund ihrer Gleichartigkeit und gerin- gen Anzahl für weitere Auswertungen teilweise zusammengefasst wurden. So werden die Höhensiedlungen zu den Siedlungen gezählt, während die verschiedenen befes- tigten Fundstellen allgemein unter dem Begriff „befestigte Anlage“ zusammengefasst werden. Zuletzt fi nden sich in der Kategorie Sonstiges alle weiteren Befundgattungen, die keiner der ersten drei Bereiche zugeordnet werden konnten. Auch die Abri- und Höh- lenfunde wurden hier hinzugezählt. Für eine genauere Auswertung der Befundsituation wurden nur die Fundstel- len herangezogen, die sich einer Kulturgruppe/Epoche zuordnen ließen. Dies sind 14885 Fundstellen, die in die vier Kategorien Siedlungen, Bestattungen, befestigte Anlagen und Sonstiges aufgeteilt wurden (ABB. 1). Betrachtet man die Verteilung der Befundgattungen in den einzelnen Epochen, so lassen sich eine Reihe interessanter Befundgattung Fundstellen Siedlung 18170 Freilandstation 3095 Bestattung 1898 Bestattung, Hügelgrab 1579 Höhlenfunde 509 Viereckschanze 396 Sonstiges 270 Höhensiedlung 202 Grabenwerk 185 Abschnittsbefestigung 98 Abri 97 Ringwall 50 Herrenhof 27 Höhensiedlung, befestigt 27 Siedlung, befestigt 18 Kreisgraben 17 Oppidum 5 ∑ 26643 Tab. 4) Befundgattungen der untersuchten Fundstellen QUELLENKRITIK 26 Beobachtungen machen. Bis zum Spätneolithikum nehmen die Siedlungen jeweils über 90 % der Fundstellen ein. Lediglich die Michelsberger Kultur fällt aus diesem Muster heraus, ist aber mit 38 Fundstellen im Arbeitsgebiet auch nur selten vertre- ten. Zusätzlich steigt die Zahl der befestigten Fundstellen bis zum Ende der Chamer Kultur hin stetig an. Einen klaren Bruch in der Entwicklung bilden die endneolithi- schen Kulturen der Schnurkeramik und Glockenbecher. Hier fi nden sich im relativen Vergleich mit Abstand die meisten Bestattungsplätze, während Siedlungen nur noch zu 30 % vorkommen. Hierbei muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Zahl der bestatteten Individuen an jeden Fundplatz nicht berücksichtigt werden konnte. In den Metallzeiten hingegen liegt die Zahl der Siedlungen relativ konstant bei etwa 60 - 70 % aller Fundstellen einer Epoche. Auffällig ist hierbei lediglich der äußerst geringe Wert von nur 2 % an Bestattungen in der Spätlatènezeit. Zeitgleich fi nden sich hier über 30 % der Fundstellen in der Kategorie „befestigte Anlagen“, was vor allem den Viereckschanzen geschuldet ist, die über 28 % aller spätlatènezeitlichen Fundstellen ausmachen. 4.2.3 Datengröße Wie bereits gezeigt stehen die Zeitstellungen und Befundgattungen im Datenbe- stand nicht immer in ähnlich großen Mengen zur Verfügung. Es sollte daher über- prüft werden, ob bereits kleine Datengrößen für die folgenden Auswertungen eine belastbare Menge darstellen. Hierfür wurden die Höhendaten von 536 latènezeitli- chen Siedlungen aus der Modellregion Niederbayern verwendet. In R wurden dann Stichproben mit einer Größe von n=30 erstellt und mit der Gesamtmenge verglichen. Abb. 1) Verteilung der verschiedenen Befundgattungen auf die einzelnen Zeitstufen QUELLENKRITIK 27 Trotz der leicht unterschiedlichen Verteilung in der Abbildung, folgen die Teilmen- gen grundsätzlich der Bezugsmenge (ABB. 2). Die berechnete statistische Signifi kanz auf Basis des Mann-Whitney-U Tests belegt mit einem p-Wert von 0,52 eine klare Abhängigkeit der Stichproben von der Gesamtmenge. Es kann also angenommen werden, dass auch kleine Datenmengen bereits belastbare Ergebnisse liefern. Dies gilt natürlich nur, solange die Quellenfi lter keinen zu starken Einfl uss ausüben. 4.3 Quellenfi lter Im Folgenden gilt es zu untersuchen, ob die vorgestellten archäologischen Fund- stellen bestimmten Quellenfi ltern unterliegen. Dies kann zu Verzerrungen in der Ver- teilung der Fundstellen im Arbeitsgebiet führen und bedarf daher einer ausführlichen Diskussion. 4.3.1 Moderne Landnutzung Ein wichtiger Faktor für die Auffi ndung von vorgeschichtlichen Fundstellen ist die moderne Landnutzung. Um die Ergebnisse auch im größeren Kontext verwend- bar und vergleichbar zu halten, wurde auf Daten aus dem „CORINE Land Cover“ Projekt der EU zurückgegriffen128. Hierbei handelt es sich um ein Projekt zur einheit- lichen Klassifi kation von Landnutzungsformen innerhalb der Europäischen Union. Die Auswertung von digitalen Satellitenbildern erfolgt automatisiert und liegt aktuell in der Version 3 aus dem Jahr 2006 vor. Der Datensatz wird mit einer Aufl ösung von 100 x 100 m erstellt und anschließend als Shape-Datei bereitgestellt129. Auf diese Weise lassen sich die im Folgenden gewonnenen Werte leicht mit anderen Regionen vergleichen. 128 Heymann u. a. 1994 129 http://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/clc-2006-vector-data-version-3 Abb. 2) Verteilung der Gesamtmenge (schwarz) und 5 zufälligen Stichproben (grau). n=30 QUELLENKRITIK 28 Erfasst werden die verschiedenen Landbedeckungsarten im Maßstab 1:100.000. Es erfolgt eine Einteilung in 13 Hauptklassen, die je nach Nutzungsart weiter differen- ziert werden. Für die Auswertung im Rahmen dieser Arbeit ist die Unterscheidung zu umfangreich, daher wurden mehrere Kategorien zusammengefasst (KARTE 3, TAB. 5). In der Kategorie Sonstiges fi nden sich vor allem vegetationsarme Felsböden. Die- se Kategorie kann weitestgehend vernachlässigt werden, da auf die bebauten, land- wirtschaftlich genutzten und bewaldeten Gebiete über 99 % der Fläche entfallen. Für die folgenden Auswertungen wurden die Gewässerfl ächen aus den Daten her- ausgenommen. Es fi nden sich zwar einige Fundstellen in Regionen, die bei CORINE als Gewässer deklariert sind, dies ist aber durch die geringe Aufl ösung der Daten zu erklären. Aus Tabelle 6 geht bereits hervor, dass Fundstellen auf landwirtschaftlich genutz- ten und bebauten Flächen deutlich überproportional vorkommen, während sie auf Waldfl ächen unterrepräsentiert sind. Zusätzlich wurden die Werte mittels eines Chi-Quadrat-Tests (χ2) auf statistische Signifi kanz überprüft. Aus den Berechnungen ergibt sich bei einem Freiheitsgrad (df) von 4 ein p-Wert von <0,001. Aufgrund der hohen Anzahl an ausgewerteten Fund- stellen nähert sich der p-Wert 0,0 sehr stark an. Es kann also mit einem Signifi kanzni- veau von 0,1 % ein hochgradig signifi kanter Zusammenhang zwischen der Fundstel- lenverteilung und der Landnutzung postuliert werden. Im Folgenden sind auch die drei Modellregionen aufgelistet (TAB. 7-9). Hier muss- Eigene Kategorie CORINE Kategorie (CODE_06) Bebaut 111, 112, 121, 122, 123, 124, 131, 132, 133, 141, 142 Landwirtschaft 211, 221, 222, 231, 242, 243 Wald 311, 312, 313, 324 Gewässer 511, 512 Sumpf/Moor 411, 412 Sonstiges 321, 322, 331, 332, 333, 335 Tab. 5) Gruppierung der CORINE Kategorien Bayern Fläche in % beobachtet erwartet χ2 Bebaut 6,08 1380 819 384,64 Landwirtschaft 56,80 10769 7653 1268,31 Wald 35,31 1407 4758 2359,79 Sumpf/Moor 0,35 5 47 37,07 Sonstiges 1,48 13 199 173,74 ∑ 100,00 13574 13574 4192,14 Tab. 6) Anteil Fundstellen und CORINE Kategorien in Bayern, sowie χ²- Wert (df=4; p=0,0) QUELLENKRITIK 29 ten jeweils die Kategorien Sumpf/Moor und Sonstiges gestrichen werden, da sie kei- ne Fundstellen aufwiesen. Zusätzlich sind beim χ2-Test keine Erwartungswerte kleiner als 5 zulässig. Wie bereits in der vorangegangenen Tabelle für ganz Bayern weisen die drei Mo- dellregionen einen p-Wert auf, der sich 0,0 stark nähert. Die bereits aufgestellte These, dass die Landnutzung die Auffi ndung von Fundstellen beeinfl usst, ist hiermit bestä- tigt. So sind im Maindreieck etwa 1,2- bis 1,3-mal so viele Fundorte auf landwirtschaft- lich genutzten und bebauten Flächen zu fi nden wie zu erwarten gewesen wäre. In bewaldeten Gebieten hingegen fi nden sich nur ca. 20% der Fundorte, die bei ange- nommener Gleichverteilung vorhanden sein müssten. Auch in den Modellregionen Niederbayern und Ries sind ähnliche Verhältnisse festzustellen. Es kann also ange- nommen werden, dass die Auffi ndungswahrscheinlichkeit in allen drei Regionen auf ähnliche Weise durch die Bodennutzung beeinfl usst wird. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass der negative Einfl uss der Wald- gebiete deutlich stärker ausfällt als die positive Auffi ndungswahrscheinlichkeit auf Ries Fläche in % beobachtet erwartet χ2 Bebaut 4,52 30 33 0,21 Landwirtschaft 72,34 676 544 31,93 Wald 23,13 49 174 89,48 ∑ 100,00 755 755 121,75 Tab. 9) Anteil Fundstellen und CORINE Kategorien im Ries, sowie χ2- Wert (df=2; p=0,0) Maindreieck Fläche in % beobachtet erwartet χ2 Bebaut 8,69 142 111 8,70 Landwirtschaft 70,80 1091 904 38,58 Wald 20,51 57 262 160,39 ∑ 100,00 1290 1290 205,48 Tab. 7) Anteil Fundstellen und CORINE Kategorien im Maindreieck, so- wie χ2-Wert (df=2; p=0,0) Niederbayern Fläche in % beobachtet erwartet χ2 Bebaut 5,44 275 165 73,24 Landwirtschaft 67,87 2611 2059 148,08 Wald 26,68 172 809 501,98 ∑ 100,00 3058 3058 717,26 Tab. 8) Anteil Fundstellen und CORINE Kategorien in Niederbayern, so- wie χ2-Wert (df=2; p=0,0) QUELLENKRITIK 30 bebauten und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die bisher einzige andere Publikation, in der CORINE Daten zur Analyse der modernen Landnutzung als Quellenfi lter verwendet werden, ist die Arbeit von M. Hinz zum Neolithikum im südöstlichen Schleswig-Holstein. Interessanterweise ließ sich hier kein so klarer positiver Einfl uss landwirtschaftlich genutzter Flächen auf die Auffi ndungswahrscheinlichkeit archäologischer Fundorte feststellen130. 4.3.2 Erosion Die Erosion von Hangbereichen darf als einer der stärksten Quellenfi lter angese- hen werden. Es steht zu befürchten, dass Siedlungsstellen in Hanglage durch starke Erosion verschwunden sind. Am Hangfuß hingegen sind Fundstellen möglicherweise durch überdeckte Kolluvien nicht mehr erkennbar. Ohne naturwissenschaftliche Un- tersuchungen sind jedoch keine Aussagen über die tatsächlichen Erosionsvorgänge zu treffen. Inzwischen existieren verschiedene Modelle zur Berechnung der Erosion, je- weils mit unterschiedlichen Ansätzen131. Das am häufi gsten angewandte Modell ist die Universal Soil Loss Equation (USLE). Diese wurde für die Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt und weist zum Beispiel im Mittelmeerraum deutlich zu hohe po- tenzielle Erosionsverluste auf132. Auch wenn andere Modelle ein realistischeres Bild zeichnen, sind diese Berechnungen oftmals mit zu großen Ungenauigkeiten behaftet. Eine weitere Möglichkeit, die Erosion als Quellenfi lter zu fassen, ist die Berech- nung der Reliefenergie. Diese wird oft auch als relatives Relief bezeichnet und ermög- licht eine Abschätzung der potenziellen Erosion. Sie wird aus dem Höhenunterschied in einem bestimmten Gebiet berechnet und in m/km2 angegeben. Bei T. Sailes Untersuchung der Wetterau wird die Reliefenergie auf Basis der Kar- tierung von K.J. Sabel verwendet133. Sie wird für das Arbeitsgebiet ausgewertet und in vier verschiedene Kategorien unterteilt. Anschließend fi ndet ein Vergleich mit den Fundstellen der einzelnen Epochen statt134. Genau wie in verschiedenen Vergleichs- regionen zeigt sich, dass Fundstellen in Gebieten mit hoher Reliefenergie überreprä- sentiert sind135. Für die hallstattzeitliche Besiedlung des Maindreiecks konnte A. Pos- luschny keine derart signifi kante Abweichung feststellen136. Für ganz Bayern und drei Modellregionen wurde das relative Relief auf Basis des 130 Hinz 2014, 192 und Tab. 10.1 131 Eine Übersicht existiert bei Mitasova/Mitas 2001; Vergleich verschiedener Modelle bei Bevan/Conolly 2011 132 Grove/Rackham 2001, 256 133 Sabel 1982 134 Saile 1998, 60-70; Sabel 1982 135 Saile 2001, Abb. 7 136 Posluschny 2002, 16 QUELLENKRITIK 31 SRTM1 Geländemodells berechnet und mit der Verteilung der Fundorte verglichen (KARTE 4). Hierbei zeigt sich, dass Gebiete mit niedriger Reliefenergie überpropor- tional viele Fundorte aufweisen, wohingegen in mittleren Bereichen eine geringe- re Anzahl archäologischer Plätze vertreten ist. Mittels eines Monte-Carlo basierten Bootstrapping Verfahrens und dem Mann-Whitney U Test wurde die statistische Sig- nifi kanz berechnet. Der p-Wert nähert sich in allen vier Fällen 0 so stark an, dass von einer deutlichen Beeinfl ussung der Reliefenergie auf die Auffi ndungswahrscheinlich- keit prähistorischer Fundstellen ausgegangen werden kann (ABB. 3). 4.3.3 Sammlertätigkeit Die Arbeit von ehrenamtlichen Sammlern muss als weiterer Quellenfi lter gesehen werden. Bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts war man sich der Lückenhaftigkeit archäologischer Quellen bewusst. So berichtet A. Hennig von Fundhäufungen durch private Sammler137. Verschiedene Arbeitsgebiete führen hier zu einer Verzerrung der Fundstellenverteilung, wie die Arbeiten von I. Eichfeld und A. Posluschny zeigen konnten138. Aufgrund der großfl ächigen Untersuchung in dieser Arbeit kann die Be- gängertätigkeit jedoch nicht als weiterer Quellenfi lter ausgewertet werden, zumal die Auffi ndungsart im verfügbaren Datenbestand auch nicht erfasst wurde 137 Hennig 1912, 60 138 Eichfeld 2005, 52-55 und Abb. 15; Posluschny 2002, 17-19 Abb. 3) Vergleich des relativen Reliefs des Naturraums (gestrichelte Linie) mit den Fundorten (durchgezogene Linie) in Bayern (A) und den drei Modellregionen (B-D) METHODIK UND GEODATEN 32 5 Methodik und Geodaten 5.1 Raumkonzepte und Begriffl ichkeiten Mit dem verstärkten Aufkommen von räumlichen Komponenten in der archäolo- gischen Forschung haben sich im Laufe der Zeit Teildisziplinen wie die Umwelt- und Landschaftsarchäologie herausgebildet. Dadurch erhielten neue, häufi g nur unzurei- chend defi nierte Begriffe Einzug in das archäologische Fachvokabular. Beispielswei- se sind Wörter wie Umwelt, Landschaft oder Natur wiederholt nur kontextbezogen oder gar nicht defi niert139. Vor dem Hintergrund der verstärkten Publikationstätigkeit in den vergangenen Jahren zum Themenfeld der Landschaftsarchäologie und da die vorliegende Arbeit auch landschaftsarchäologische Themen bearbeitet, soll im Fol- genden eine kurze Einführung in Raumkonzepte und verschiedene Begriffl ichkeiten gegeben werden. Ein für die Archäologie sehr passendes Raumkonzept wurde vom Philosophen N. Hartmann entworfen. Er unterscheidet drei Raumkategorien, von denen vor al- lem zwei für uns relevant sind. Dies sind der Realraum, der die „physisch-realen Ge- schehnisse“ darstellt und der Anschauungsraum, welcher den von einzelnen Personen wahrgenommenen Teil des Realraums darstellt140. Der Anschauungsraum ist dabei subjektiv geprägt. Hier spielen nach Hartmann auch Erfahrungen und Wertvorstel- lungen eine wichtige Rolle, sodass derselbe Realraum von verschiedenen Personen sehr individuell betrachtet werden kann. Auf diese Weise werden bekannte Land- schaften niemals als umfassendes Bild wahrgenommen, man erinnert sich vielmehr an einzelne Elemente. Dies sind in der Regel natürliche und künstliche Landmarken, wie etwa Flüsse oder besondere Gebäude. Mit diesen Orten verbindet man zumeist persönliche Erinnerungen. Der Ort selbst liegt also im Realraum, während seine Be- deutung den Anschauungsraum repräsentiert. Nach C. Tilley bedeutet dies: „Without places there can be no space.“141. Ein weiterer häufi g verwendeter Begriff ist Umwelt. Ursprünglich als neutrale Be- zeichnung der umgebenden Natur, hat sich der Begriff inzwischen gewandelt. Spä- testens seit den Umweltbewegungen der 1970er und 80er Jahre ist das Wort eher positiv konnotiert und bezeichnet eine schützenswerte Natur. Im archäologischen Kontext wird der Begriff zumeist nur für die naturräumliche Beschreibung verwen- det. Er besitzt jedoch auch eine soziale Komponente wie J. Evans und A. Gramsch 139 Vgl. Lüning 1997; Schade 2000 140 Hartmann 1950, 86-87 und 116-117 141 Tilley 1994, 15 METHODIK UND GEODATEN 33 verdeutlichen142. Zusätzlich ist die Umwelt einem dynamischen Wandel unterworfen. Sie ändert sich sowohl autochthon als auch durch menschliches Handeln. Der Begriff der Landschaft ist erstmals um 830 als althochdeutsches „lantscaf(t)“ nachgewiesen, wo er eine politische Bedeutung besaß. Erst ab der Renaissance setzt sich das heutige Verständnis von Landschaft durch. Zumeist wird mit dem Begriff eine gepfl egte Natur beschrieben, die ästhetischen Anforderungen genügen soll143. Im archäologischen Kontext wird die Landschaft oftmals mit Kulturlandschaft gleichge- setzt. Hiernach sind es auch anthropogene Strukturen, welche die Landschaft gliedern und es kommt zu einer Wechselwirkung zwischen dem Menschen und seiner Umge- bung. Nach M. Doneus ist die Landschaft damit ein durch Orte strukturierter Real- raum, der von historischen Prozessen wechselseitig beeinfl usst und gestaltet wird144. Solche Defi nitionen entstehen häufi g vor dem Hintergrund verschiedener Theo- riemodelle. Im Rahmen der New Archaeology war etwa ein ganz bestimmtes Raum- verständnis vorherrschend. Die räumliche Umgebung wurde als neutraler Rahmen verstanden, der in den verschiedenen Epochen identisch war. In diesem fanden die menschlichen Aktionen statt, ohne von ihrer Umgebung beeinfl usst zu werden. Diese Vorstellung wandelt sich erst in den 1980er Jahren. Im Rahmen der post-pro- zessualen Archäologie werden soziale Gruppen als Systeme verstanden, die auf exter- ne Einfl üsse reagieren. Das Verständnis ändert sich und der Raum wird als Einfl uss- faktor für menschliche Aktionen betrachtet. Dies sorgt für weitere Fragestellungen wie den Einfl uss von prähistorischen Wegesystemen oder kulturellen und sakralen Räumen auf die räumliche Wahrnehmung vorgeschichtlicher Gruppen145. Unser heutiges Verständnis von Raum und Zeit sorgt dafür, dass in der archäolo- gischen Interpretation Räume mit unterschiedlichen Themenfeldern belegt werden. Eine sich ausschließende Nutzung von Räumen für rituelle oder sakrale Tätigkeiten kann jedoch für die Vorgeschichte nicht ohne weiteres angenommen werden. Neben den vorgestellten Modellen existiert in den Sozial- und Kulturwissenschaf- ten inzwischen auch eine rege Diskussion über räumliche Konzepte. Diese unter- schiedlichen Ausgangspositionen und Herangehensweisen werde oftmals unter dem Begriff „Spatial Turn“ zusammengefasst. Erstmalig im geographischen Kontext taucht diese Bezeichnung in den späten 1980er Jahren in der US-amerikanischen For- schung bei E. Soja auf146. Die Organisation des Raumes wird von ihm als soziales Produkt verstanden und soll so das rein physikalische Raumverständnis überwinden. 142 Evans 2003, 28; Gramsch 2003, 44 143 Amann 1999, 32 144 Doneus 2013, 26-27 145 Wheatley/Gillings 2002, 8 146 Soja 1989, 39 METHODIK UND GEODATEN 34 Dieses Konzept ist jedoch nicht ohne Kritik und wird gerade in der jüngeren deut- schen Forschung kontrovers diskutiert147. Vor allem die Abgrenzung der von E. Soja defi nierten, sozial konstruierten Räume vom Raumdeterminismus der „klassischen“ Geographie wird in Frage gestellt148. Wir können abschließend festhalten, dass es verschiedene Raumkonzepte gibt. Al- len Defi nitionen ist ein bestimmter Grad von wechselseitiger Beeinfl ussung zu eigen. Oftmals sind es soziale Komponenten wie persönliche Erinnerungen, die auf das Landschaftsverständnis einwirken. Auch politische und kulturelle Territorialstruktu- ren gliedern die Landschaft, sind aber archäologisch nur schwer nachzuweisen. Daher wird oft versucht, prähistorische Landschaft in eine materialbezogene Kulturland- schaft und eine umweltbezogene Naturlandschaft zu trennen. Aufgrund der oben gezeigten gegenseitigen Beeinfl ussung scheint daher für analytische Untersuchungen der Begriff „archäologische Landschaft“ besser geeignet149. 5.2 Landschaftsarchäologie Das Teilgebiet der Landschaftsarchäologie enthält heute eine große Bandbreite an Methoden und Themenfeldern. Wichtige Voraussetzungen für die Analyse von Land- schaften waren Feldbegehungen und der Einsatz von Luftbildarchäologie. Ihre me- thodische Entstehung hat die Landschaftsarchäologie in der New Archaeology (auch prozessuale Archäologie) der 1960er Jahre. Erstmals erhalten raumbezogene Theo- rien und Modelle in größerem Maße Einzug in die Archäologie. Ihre erste Erwäh- nung fi ndet dieser neue Zweig der Archäologie im Jahr 1974150. Ziel war es zunächst ausgehend von Feldbegehungen eine Landschaftsgeschichte zu rekonstruieren. Im englischsprachigen Raum wurden hierfür großfl ächige Surveys durchgeführt und es entstand eine Vielzahl an theoretischen Arbeiten. Deutsche Forschungen beruhten hingegen zumeist auf der Auswertung von Museumsbeständen und Fundchroniken. Diese nur unzureichende Datengrundlage wurde bereits Ende der 1980er Jahre von W. Schier kritisiert151. Unter dem Einfl uss der postprozessualen Archäologie rücken ab dem Beginn der 1990er Jahre die Menschen als Akteure mehr in den Vordergrund. Der Interessens- schwerpunkt verschiebt sich vom Realraum in den Anschauungsraum. Da der Post- prozessualismus als Konglomerat verschiedener Positionen zu verstehen ist, bilden 147 Glasze/Mattissek 2008, 40; Werlen 2008, 369 148 Roskamm 2012, 181-186 149 Doneus 2013, 27 150 Aston/Rowley 1974 151 Schier 1990, 14; vgl. auch Doneus 2013, 34-35 METHODIK UND GEODATEN 35 sich jedoch auch in der Landschaftsarchäologie verschiedene Zugänge zur Thematik heraus152. Als eine der ersten landschaftsarchäologischen Arbeiten im deutschsprachigen Raum kann der Aufsatz von T. Saile zu Umfeldanalysen in der nördlichen Wetterau gelten153. Ähnlich wie bei einigen anderen Arbeiten stehen jedoch Siedlungshierar- chien im Vordergrund und ein Landschaftsbezug wird nur am Rande hergestellt154, sodass sich die deutsche Landschaftsarchäologie lange Zeit kaum von der Siedlungs- archäologie unterscheidet. Erst in den vergangenen Jahren werden die Begriffe klarer voneinander abgegrenzt155. Erstmals spielen jetzt auch soziokulturelle Aspekte des Anschauungsraums eine Rolle. Auf diese Weise entsteht eine Landschaftsarchäologie, die aus zwei Blöcken aufgebaut ist – die Beschreibung der materiellen Hinterlassen- schaften im Realraum und dessen Interpretation für seine Auswirkungen auf den Anschauungsraum. 5.3 Menschliche Bedürfnisse Der Mensch stellt verschiedene Anforderungen an seine Umwelt, die erfüllt sein müssen, um eine erfolgreiche Siedlungstätigkeit zu gewährleisten. Diese Anforderun- gen sind auch als Bedürfnisse zu verstehen und lassen sich auf unterschiedliche Weise defi nieren. Eines der meistzitierten Modelle ist die Bedürfnispyramide nach A. Maslow156. Hier werden die menschlichen Bedürfnisse hierarchisch geordnet, wobei die essenti- ellen Anforderungen die Basis bilden (ABB. 4). Von den physiologischen Bedürfnis- sen lässt sich landschaftsarchäologisch lediglich die Notwendigkeit von Nahrung in Form der Trinkwassernähe sowie indirekt über die Bodenverhältnisse nachweisen. Die übergeordneten Sicherheitsbedürfnisse sind ebenfalls nur abstrakt durch die Lage der Siedlungen im Naturraum zu belegen. Auch monumentale Bauwerke wie die vor- geschichtlichen Erdwerke spielen durch ihre Schutzfunktion und die mögliche Rolle im Rahmen einer ordnungswahrenden Sozialstruktur eine wichtige Funktion. Die drei oberen Stufen der Bedürfnispyramide von Maslow entziehen sich durch ihren erhöhten Abstaktionsgrad einer genaueren Betrachtung mittels landschaftsar- chäologischer Methoden. 152 Doneus 2013, 36-37 153 Saile 1997 154 Schade 2004; Zimmermann u. a. 2004; Posluschny 2006 155 Meier 2009; Doneus 2013, 39-45 156 Maslow 1981 METHODIK UND GEODATEN 36 Auch andere Modelle setzen die Nahrungsversorgung und das Schutzbedürfnis an erster Stelle157. Hier bieten sich also sichere Anhaltspunkte für menschliche Bedürf- nisse, die einer Landnahme und Siedlungstätigkeit zu Grunde liegen dürften. 5.4 GIS-Methoden 5.4.1 Reliefsituation Bei der Betrachtung einer Fundstelle wird auch immer die Reliefsituation analysiert. Normalerweise würde man hierzu ins Gelände gehen, oder eine Topographische Kar- te betrachten. Mit der Verwendung von geographischen Informationssystemen ist die Zahl der auswertbaren Fundstellen soweit angestiegen, dass eine manuelle Betrach- tung der Geländesituation oft nicht mehr durchführbar ist. Zusätzlich erfolgt solch eine Klassifi zierung meist lediglich nach subjektiven Kriterien. Seit längerem ist es je- doch möglich, die topographische Lage einer Fundstelle am Computer zu errechnen. Bei der computergestützten Auswertung des Reliefs werden einzelne Positionen in der Landschaft unter Verwendung eines digitalen Geländemodells und der Hangnei- gung in unterschiedliche Kategorien eingeteilt. Die erste archäologische Arbeit zu die- sem Thema lieferte K.L. Kvamme mit der Entwicklung zweier Algorithmen158. Auch M. Llobera bemühte sich im Rahmen der Landschaftsanalyse um die Auswertung topographischer Positionsinformationen159. Auf der ESRI User Conference 2001 hat A. Weiss ein Konzept zur Berechnung eines Topographic Position Index (TPI) vor- gestellt (TAB. 10), auf dessen Grundlage es J. Jenness möglich war, ein ArcGIS Plugin 157 Hinz 2014, 44-45 158 Kvamme 1992 159 Llobera 2001 Physiologische Bedürfnisse Atmung, Schlaf, Nahrung, Wärme, Sexualität Sicherheitsbedürfnisse Zugehörigkeit und Liebe (soziale Bedürfnisse) Achtung (Individualbedürfnisse) Selbstverwirklichung Selbsterfüllung in der Realisierung der eigenen Möglichkeiten, Verständnis, Einsicht, Individualität Abb. 4) Bedürfnis-Pyramide nach Maslow 1981, 62-74; Erläuterungen nach Heckhausen 1980, 105; ver- ändert METHODIK UND GEODATEN 37 zu veröffentlichen160. Diese unterschiedlichen methodischen Ansätze zur Ermittlung der topographischen Position wurden erstmals von J. De Reu untersucht161. Für den Algorith- mus von A. Weiss spricht die zeitsparende Berechnung. Auch seine Anfälligkeit für verfälschte Werte in besonders fl achen Ge- bieten sollte für die Modellregi- onen in Bayern keine gewichtige Rolle spielen. Im deutschsprachigen Raum wurde diese Methode bereits bei M. Hinz verwendet162. Wie bei seiner Arbeit, soll die Land- schaft in der vorliegenden Arbeit in sechs Klassen eingeteilt werden. Dennoch wird die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert, da es nötig ist, den Algorithmus an die lokalen Gegebenheiten anzupassen. Für die Auswertung muss ein Suchradius gewählt werden, innerhalb dessen die einzelnen Geländepositionen miteinander verglichen werden. Dieser kann, je nach naturräumlicher Situation, ganz unterschiedliche Ergebnisse liefern. So wählt M. Hinz für sein Untersuchungsgebiet im südlichen Schleswig-Holstein einen Radius von 100 m, da im Arbeitsgebiet keine großräumigen topographischen Besonderheiten vorkommen. Je höher man den Ra- dius wählt, desto eher verschwinden kleinräumige geomorphologische Besonderhei- ten. Für Bayern hat sich ein Radius von 500 m als sinnvoll erwiesen, da hier ein guter Kompromiss zwischen den lokalen Gegebenheiten und der großfl ächigen Situation gefunden werden konnte. 5.4.2 Kanalnetzwerk Das heutige Gewässernetz ist starken anthropogenen und klimatischen Verände- rungen unterworfen, dennoch ist die Nähe zum Wasser eine wichtige Voraussetzung für die Besiedlung. Daher erscheint es notwendig, sich mit der Rekonstruktion prähis- torischer Flussläufe zu beschäftigen. Genau wie bei M. Hinz soll hierfür das geschätz- te Abfl ussnetzwerk herangezogen werden163. Für die Berechnung des Kanalnetzwerks in ArcGIS wird zunächst aus einem Ge- ländemodell die Abfl ussrichtung abgeleitet. Dies geschieht mittels des „D8 fl ow di- 160 Weiss 2001; Jenness 2006 161 De Reu u. a. 2011 162 Hinz 2014, 164-165 163 Hinz 2014, 166-169 Reliefform Defi nition der Reliefform Tal TPI ≤ -1 SD Unterer Hang -1 SD < TPI ≤ -0.5 SD Flachland -0.5 SD < TPI < 0.5 SD, Hangneigung ≤ 5° Mittlerer Hang -0.5 SD < TPI < 0.5 SD, Hangneigung > 5° Oberer Hang 0.5 SD < TPI ≤ 1 SD Kuppe TPI > 1 SD Tab. 10) Verwendete Reliefkategorien und deren Defi nition METHODIK UND GEODATEN 38 rection model“164. Die folgende Berechnung der Abfl ussakkumulation weist jeder Rasterzelle einen Wert zu. „Entwässern“ mehr Zellen in eine bestimmte Rasterzelle, so steigt der Wert. Unter Verwendung eines Schwellenwerts werden anschließend die Zellen mit einer besonders hohen Abfl ussakkumulation ermittelt, um ein Wasserlauf- netz zu erstellen165. Für die Berechnungen wurde das SRTM3 verwendet, da es sich hierbei um eine besonders rechenintensive Methode handelt. Für den anzusetzenden Schwellenwert gibt es jedoch keine allgemeine Formel. Die Abbildung 5 zeigt die Entfernung der Fundorte zu den rezenten Flüssen im Vergleich zu einem berechneten Abfl ussnetzwerk mit Schwellwerten 500 und 1000. Hierbei fällt auf, dass alle drei Verteilungen sehr nahe beieinanderliegen. Es ist also kaum von signifi kanten Abweichungen auszugehen. Dennoch lassen sich besonders in fl achen Gebieten Ungenauigkeiten nachwei- sen. Darüber hinaus gibt es auch in stärker reliefi erten Gebieten immer wieder kleine Bereiche mit starken Messfehlern und signifi kanten Abweichungen166. Trotz dieser gelegentlichen Unterschiede, weisen das errechnete Abfl ussnetzwerk und die rezen- ten Gewässerdaten eine recht ähnliche geographische Verteilung auf. Die Entfernung zum geschätzten Abfl ussnetzwerk soll daher im Folgenden nicht für die einzelnen Fundstellen zur Auswertung herangezogen werden. 164 Jenson/Domingue 1988 165 Tarboton u. a. 1991 166 Hengl u. a. 2010 Abb. 5) Vergleich der Entfernung aller Fundorte zum rezenten Gewässernetz mit verschiedenen geschätzten Abfl ussnetzwerken METHODIK UND GEODATEN 39 5.4.3 Geschätztes Grundwasserniveau Zusätzlich kann auf Basis des digitalen Geländemodells (DGM) und des berech- neten Kanalnetzwerks der Grundwasserspiegel geschätzt werden167. Diese Methode weist eine gute Vergleichbarkeit mit der tatsächlichen Bodenfeuchte auf und scheint daher methodisch einsetzbar zu sein168. Dennoch besteht hier die Gefahr eines Zir- kelschlusses. So liegen Fundstellen, die näher am obertätigen Gewässer liegen, selbst- verständlich auch in Bereichen mit höher anstehendem Grundwasser. Daher wird die Methode im Folgenden nicht angewandt. 5.4.4 Umfeldanalyse Die Umfeldanalyse (auch Cost Surface Analyse) ist eine beliebte Methode, um das Siedlungsumfeld einer Fundstelle zu analysieren. Hierbei wird nicht nur die direkte Lage der Siedlung betrachtet, sondern auch der weitere Naturraum, in dem sie sich befi ndet. Ziel ist es, mehr über die ökonomischen Parameter der Siedlungsplatzwahl zu erfahren. Hierfür haben sich zwei Herangehensweisen etabliert. Die einfache Methode, um den Aktionsradius einer Siedlung zu bestimmen, ist die Anlage eines einfachen kreis- förmigen Gebiets um die Fundstelle herum. Auf diese Weise werden jedoch natur- räumliche Gegebenheiten und Hindernisse wie Flüsse oder Hänge nicht berücksich- tigt. Bei der weiterentwickelten Form der Umfeldanalyse wird mittels verschiedener Geodaten und einem GIS der Bereich errechnet, welcher sich innerhalb einer vorge- gebenen Zeit erreichen lässt169. Auf diese Weise lässt bereits der Faktor der Umfeld- größe möglicherweise erste Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Ausrichtung einer Fundstelle zu. Dennoch wächst auch der Aufwand für die Durchführung der Untersuchung, da der Aktionsradius für jede Fundstelle einzeln berechnet werden muss. Bei der Verwendung der Analyse mit einem radialen Umfeld muss zunächst ein Umfeldradius für die zu betrachtenden Siedlungen gefunden werden. Für bäuerliche Kulturen wird oft eine Entfernung von 5 km verwendet. Dieses Gebiet ist bei nor- malem Geländerelief in einer Stunde gut zu erlaufen. Dennoch werden auch immer wieder Radien von nur 750 m verwendet170. Gerade für das Frühneolithikum, für das 167 Hinz 2014, 167 und 170-173 168 Bock/Köthe 2008 169 Beispiele bei Posluschny 2010 zu eisenzeitlichen Fürstensitzen und Chataigner/Barge 2008 in größerem Rahmen zur Verbreitung von Obsidian im Vorderen Orient; kritisch dazu: Rahn 2005 170 Posluschny 2010 und Zimmermann u. a. 2009 METHODIK UND GEODATEN 40 wir mit einer starken Bewaldung zu rechnen haben, scheinen kleinere Werte sinnvoll zu sein. Allgemein ist jedoch die Berechnung von Entfernungen zwischen prähistori- schen Siedlungen schwierig. Selbst bei fl ächigen Untersuchungen wie im Braunkohle- tagebau, der ausgesprochen gut erfasst ist, kann nicht immer von einer Gleichzeitig- keit der Fundstellen ausgegangen werden. Die frühmittelalterlichen Siedlungen am Niederrhein weisen einen typischen Ab- stand von 2,25 km bis 3,25 km zueinander auf. Bei den Kirchen des Liber Valoris um 1300 liegt der Abstand mit 3,25 km und 4,75 km etwas höher171. Eine allgemeine Aussage über die Wahl der Umfeldgröße kann so also nicht ge- troffen werden. Bei der folgenden Analyse wird deshalb ein Kostenmodell mit einem Radius von 60 Minuten verwendet. Dieser läuft bei einem Gelände mit schwachem bis mittlerem Relief auf eine Distanz von etwa 5 km hinaus. 5.4.5 Kostenmodell für Zeitradius Als Grundlage für ein Kostenmodell wird meist der Zeitaufwand oder Energie- verbrauch zugrundgelegt. Da hier ein Aktionsradius errechnet werden soll, der sich innerhalb einer bestimmten Zeit erreichen lässt, stützen sich die folgenden Auswer- tungen auf ein zeitbasiertes Kostenmodell. Ausgangspunkt hierfür ist immer die Hangneigung. Diese wurde in ArcGIS aus dem SRTM1 DGM abgeleitet, auch alle weiteren Berechnungen wurden in ArcGIS durchgeführt. Für die Überführung der Hangneigung in ein Kostenmodell existieren inzwischen verschiedene Modelle. Eine gute Übersicht zu den verschiedenen Formeln fi ndet sich bei M. van Leusen172. Allen ist jedoch gemein, dass von einer exponentiellen Zunah- me der notwendigen Zeit bei gleichzeitigem linearen Anstieg der Steigung ausgegan- gen wird. Eine solche Funktion ist das Rechenmodell von A. Minetti173. Hierbei wurden phy- siologische Messdaten bei verschiedenen Hangneigungen berechnet. Dieses Modell wird unter anderem in der Arbeit von I. Herzog zum Bergischen Land verwendet174. Es erscheint jedoch als nicht sonderlich ausgereift für archäologische Fragestellungen, da der benötigte Aufwand bei extremen Steigungen negative Werte annimmt. Das Modell von M. Llobera und T.J. Sluckin basiert auf einer größeren Daten- grundlage175. Die Formel bezieht sich aber auf die benötigte Energie und nicht auf 171 Herzog 2012 172 van Leusen 1999; kritisch hierzu: Rahn 2005 173 Minetti u. a. 2002 174 Herzog 2012 175 L