Evaluation der modifizierten strukturierten Notrufabfrage bei akutem Thoraxschmerz im Rahmen des Projekts „Telemedizin im Rettungsdienst in Mittelhessen“
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Philipps-Universität Marburg
Abstract
HINTERGRUND
Im deutschen Rettungsdienstsystem lässt sich in den vergangenen Jahren ein zunehmender Personalmangel bei steigenden Einsatzzahlen beobachten. Um auch zukünftig ausreichend notärztlich besetzte Rettungsmittel für kritische Not-fälle vorhalten zu können, müssen nicht dringend indizierte Notarzteinsätze re-duziert werden. Um dies zu erreichen, wurde von der „Arbeitsgemeinschaft Tele-medizin im Rettungsdienst Mittelhessen“ eine modifizierte standardisierte Notruf-abfrage „Brustschmerz“ vorgestellt, die das häufige Meldebild „Akutes Koronar-syndrom“ bereits durch die Leitstelle in stabile (ACS 1) und vital bedrohte Pati-ent*innen (ACS 2) einteilen soll. Bei ausreichender Sicherheit dieser Abfrage könnten die stabilen Patient*innen von Rettungsfachpersonal mit telenotärztli-cher Unterstützung versorgt werden und die knappen notärztlichen Ressourcen stünden für kritische Einsätze zur Verfügung. Diese Studie evaluiert die modifi-zierte standardisierte Notrufabfrage „Brustschmerz“ aus der Zentralen Leitstelle des Landkreises Marburg-Biedenkopf hinsichtlich ihrer Präzision in der Einteilung von Patient*innen mit Akutem Koronarsyndrom in stabil vs. kritisch im Vergleich mit dem präklinischen Erscheinungsbild.
METHODEN
Im Zeitraum von Januar bis August 2021 wurden Daten von Rettungsdienstein-sätzen im Landkreis Marburg-Biedenkopf mit dem Meldebild „Akutes Koronar-syndrom“ erhoben, die zuvor von der Leitstelle anhand der modifizierten standar-disierten Notrufabfrage „Brustschmerz“ in die Gruppen ACS 1 (= stabil) und ACS 2 (= kritisch) klassifiziert wurden. Beide Gruppen wurden hinsichtlich Altersstruk-tur, Geschlechterverteilung und Vitalparametern verglichen. Der präklinische Zu-stand wurde mittels eines für die Studie entwickelten Scoresystems auf einer Skala von 0 - 20 Punkten eingeschätzt und ein Cut-Off-Wert für einen kritischen Zustand auf ≥3 festgelegt. Sensitivität und Spezifität der Notrufabfrage wurden im Vergleich zur Einteilung durch den Score ausgewertet.
ERGEBNISSE
Von insgesamt 635 Fällen mit dem Meldebild „ACS“ konnten 595 Datensätze ausgewertet werden (93,7%). Die Gruppe ACS 1 war mit n=101 Personen deut-lich kleiner als die Gruppe ACS 2 (n=494). Im Vergleich von Altersstruktur und Geschlechterverteilung zwischen den beiden Gruppen konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede festgestellt werden, ebenso in den Durchschnittswer-ten der erhobenen Vitalparameter. In 88% der Fälle wurden vital bedrohte Pati-ent*innen auch als solche erkannt (Sensitivität), die Spezifität der Notrufabfrage lag hingegen bei 18,7%.
DISKUSSION
In der hier vorgestellten Studie wurde erstmals eine modifizierte standardisierte Notrufabfrage zum Meldebild „Akutes Koronarsyndrom“ evaluiert und hinsichtlich einer Voraussage des präklinischen Zustandes der Patient*innen ausgewertet. Mit 17% der Einsätze, die als stabil (ACS 1) zugeordnet wurden, könnte nach Implementierung eines Telenotarztsystems etwa jeder sechste Notarzteinsatz zu diesem Meldebild zugunsten von kritischeren Einsätzen vermieden werden. Die Sensitivität von 88% und Spezifität von 18,7% sprechen für eine Notrufabfrage, die auf eine möglichst hohe Patient*innensicherheit ausgelegt ist und nicht auf diagnostische Genauigkeit. Limitierend für die Aussagekraft dieser Studie ist das relativ kleine Patient*innenkollektiv und die ausschließliche Anwendung in einem Landkreis. Um die Ergebnisse dieser Studie zu bestätigen, sind weitere Studien mit einem größeren Studienkollektiv und dem Einschluss mehrerer Landkreise mit unterschiedlicher demographischer Struktur notwendig.
In der Literatur gibt es bisher nur vereinzelt Auswertungen von standardisierten Notrufabfragen, auch weil diese in deutschen Leitstellen bisher nicht ubiquitär eingesetzt werden. Notrufabfragen, die eine Differenzierung in der medizinischen Notwendigkeit von Notarzteinsätzen ermöglichen, wurden bisher nicht unter-sucht. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind ein erster Beitrag in der Neuausrichtung von Rettungsdienstabläufen und einer notwendigen Umstrukturierung in der Ver-teilung von zunehmend knappen notärztlichen Ressourcen. Weitere Studien müssen zeigen, ob sich dieser Ansatz auch auf andere Landkreise und weitere Meldebilder übertragen lässt. Offen bleibt auch, inwiefern die Spezifität und damit die Effektivität einer solchen Abfrage erhöht werden kann, ohne die Patient*in-nensicherheit zu gefährden.
Background
The German emergency medical services face an increasing physician shortage while the demand for time-critical emergency medical care is constantly rising. In order to guarantee a safe and quick distribution of emergency physicians to criti-cal ill patients, medically unnecessary missions must be reduced to prevent a lack of emergency care. As a first approach, a modified dispatch algorithm for acute chest pain has been put in place in the emergency medical services of the central Hesse region. In a second step, paramedic-staffed ambulances with phy-sician-based telemedical support could be dispatched to stable cases of patients with acute coronary syndrome, if the algorithm proves to be safe in the distinction between stable and critical cases. The goal of this study is to evaluate whether the modified dispatch algorithm for acute chest pain could predict, if the patient would be in a stable or critical condition in prehospital care.
Method
Between January and August 2021, data of 595 cases of patients with acute cor-onary syndrome has been collected. These cases have been categorized by the medical dispatch centre with the “modified dispatch algorithm for acute chest pain” into the groups ACS 1=stable condition and ACS 2=critical condition. Both groups have been analysed regarding age, sex and average vital parameters. The prehospital condition was evaluated by a score that has been developed for this study, with a scale from 0 to 20 and a cut-off at ≥3 for critical condition. Sen-sitivity and specificity of the modified dispatch algorithm have been calculated in relation to the score.
Results
Out of 635 cases of dispatched acute coronary syndromes, 595 data records have been analysed (93,7%). The group ACS 1 = stable was significantly smaller (n=101) than the group ACS 2 = critical (n=494). Both groups showed no statis-tically significant differences regarding age, sex or average vital parameters. In 88% of the recorded cases, critical ill patients were recognized as such, while the specificity of the dispatch algorithm was only at 18.7%.
Discussion & Conclusion
This study evaluated for the first time a modified dispatch algorithm for acute chest pain towards the precision in predicting a critical condition in prehospital care. With 17% of the missions that were safely assigned as stable, almost every fifth emergency physician mission to these kinds of cases could be avoided in favour of more critical missions after the full implementation of a telemedical sys-tem in prehospital emergency medicine. The sensitivity of 88% and specificity of 18,7% verify a dispatch algorithm that was designed for the highest possible pa-tient safety instead of diagnostic accuracy. The relatively small patient collective and the exclusive application in only one administrative district are limiting for the meaningfulness of this study. In order to confirm the results, further studies with a larger study collective and the inclusion of several districts with different demo-graphic structures are necessary. So far, there have only been few evaluations of standardized dispatch algorithms in the literature, mostly because they have not yet been used comprehensively in german dispatch centres. Standardized dispatch algorithms that allow differentiation of the medical necessity of emer-gency medical services have not yet been fully evaluated.
The results of this work are a first contribution to the realignment of rescue service processes and a necessary restructuring in the distribution of scarce emergency staff resources. Further studies must show whether this approach can also be transferred to other administrative districts and other emergency cases. It also remains to be seen to what extent the specificity and thus the effectiveness of such a dispatch algorithm can be increased without endangering patient safety.
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