Item type:Thesis, Open Access

Zwischen Stadt und Universität. Ökonomische Praktiken Marburger Professorenhaushalte und -familien zwischen 1653 und 1866

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Philipps-Universität Marburg

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Abstract

In den letzten zwanzig Jahren ließ sich beobachten, dass innerhalb der universitätsgeschichtlichen Forschung nicht mehr nur die Person des Professors im Zentrum sozialgeschichtlicher Untersuchungen stand, sondern dass vermehrt die Ehefrauen der Professoren, ihre Familien und Haushalte, insbesondere im Hinblick auf die damit zusammenhängenden sozialen Beziehungen in den Blick genommen wurden. Fragen der häuslichen oder familiären Ökonomie spielten dabei keine oder nur eine randständige Rolle. Gleichwohl ist die ökonomische Wohlfahrt ein zentraler Faktor für die Funktionalität eines Professorenhaushalts, insbesondere auch auf dessen universitäre Aufgaben. Die vorliegende Studie fragt nach den ökonomischen Praktiken der Marburger Professorenhaushalte. Dabei geht es nicht nur darum, die Praktiken zu identifizieren, sondern sie ebenso in die damit zusammenhängenden sozialen Beziehungen einzuordnen. Frühzeitliche Professorenhaushalte fungierten quasi als Bindeglied der Korporationen Stadt und Uni, denn die Professoren, ihre Familien und ihre Haushaltsangehörigen waren einerseits schon durch ihre rechtliche Stellung Teil der Universität und wurden als Universitätsbürger bezeichnet. Andererseits waren sie Teil der Stadtbevölkerung, sozial eingebunden in Nachbarschaften, beschäftigen Personal, kauften Konsumgüter, nutzen Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, mieteten und vermieteten, liehen und verliehen Geld und vieles mehr. Die Grundannahme der mikrohistorisch angelegten Studie ist die Verschränkung sozialer und ökonomischer Beziehungen untereinander, denn ökonomisches Handeln war in der Frühen Neuzeit untrennbar mit sozialen Beziehungen verknüpft und soziale Beziehungen durch ökonomische Aspekte geprägt. In der vorliegenden Studie wurde anhand der ökonomischen Praktiken der Marburger Professorenhaushalten und -familien der Frage nach dem Verhältnis von Stadt und Universität nachgegangen. Die Studie gliedert sich in drei inhaltliche Schwerpunkte, denen die Kapitel C, D und E gewidmet sind. Zunächst wird in Kapitel C der Professorenhaushalt selbst betrachtet. Hierbei wird danach gefragt, welche Personen einem Professorenhaushalt angehören und welche Funktionen sie innerhalb des Haushalts erfüllen und inwieweit Unterschiede zu städtischen Haushalten bestehen. Ebenso werden die Praktiken des Wohnens und Wirtschaftens der Haushalte herausgearbeitet. So wohnten die Professoren und ihre Familien nicht nur in eigenen Häusern, sondern auch in Dienst- oder Mietwohnungen. In den eigenen oder gepachteten Gärten wurde Obst und Gemüse angebaut und es wurde Vieh gehalten. Einige Haushalte betrieben Landwirtschaft oder brauten Bier. Üblich war in Professorenhaushalten ebenfalls, dass Studenten dort wohnten und/oder ein Mittagstisch angeboten wurde. Diese Einnahmen wiederum trugen zum Haushaltseinkommen bei, dem der zweite Untersuchungsschwerpunkt gewidmet ist. Im Mittelpunkt des Kapitels D steht die Frage nach dem Haushaltseinkommen der Professoren und ihrer Familien. Zum einen stammte dies aus den Einkünften für die universitäre Tätigkeit, die sich nicht nur aus Geld, sondern auch aus Naturalien zusammensetzten. Dies waren aber nicht zwingend die Haupt- oder gar die einzigen Einnahmen. Vielmehr trugen weitere berufliche Ämter und Tätigkeiten, die die Professoren parallel zu ihrem Ordinariat ausübten, aber auch die Einnahmen ihrer Ehefrauen, z. B. durch die Versorgung der Studenten, zum Haushaltseinkommen bei. Professoren waren während ihrer universitären Tätigkeit beispielsweise auch als Pfarrer oder Prediger, Stadt- oder Leibarzt und Mitglied des Hofgerichts tätig. Gleichzeitig trugen Renditen aus dem Vermögen der Professoren und ihrer Familien entscheidend zum Haushaltseinkommen bei. Der Frage nach Vermögen und Schulden ist ein dritter Untersuchungsschwerpunkt (Kapitel E) gewidmet. Zum Vermögen der Familien gehörten Häuser, Hofgüter, landwirtschaftliche Flächen und Gärten, Rechte wie Zehnte und Kapital. Hier wird der Frage nachgegangen, wie die Haushalte dieses Vermögen nutzten, welche Praktiken und familiären Verbindungen hierbei eine Rolle spielten. So wie familiäres Vermögen für die ökonomische Wohlfahrt des Haushalts fördernd war, schränkten Schulden diese teilweise ein. Exemplarisch werden die Praktiken des Schuldenmachens und der Umgang mit Schuldverhältnissen ausgeführt. Im Ergebnis zeigt die Arbeit, dass insbesondere die ökonomischen Praktiken die Funktion der Haushalte als Bindeglied zwischen Universität und Stadt veranschaulichen können. Ebenso gilt dies für den Zusammenhang zwischen ökonomischer Wohlfahrt und verwandtschaftlichen Verflechtungen der Professorenfamilien. Die Familienverbände mit ihren Haushalten stabilisierten die kleine Landesuniversität Marburg und trugen so dazu bei, dass die Universität trotz finanzieller Schwierigkeiten und Krisen ihre Arbeit aufrechterhalten und eine Schließung vermeiden konnte. Damit verbindet die Studie auf der Grundlage der ökonomischen Praxis der Marburger Professorenhaushalte die Forschungsfelder von Universitätsgeschichte, Verwandtschaftsforschung und Stadtgeschichte; und trägt zum Bemühen der universitätsgeschichtlichen Forschung bei, den Begriff der ‚Familienuniversität‘ neu zu denken.
In the last twenty years, it has been observed that research into the history of the university has moved away from a focus on the professor as an individual to an increasing interest in the wives of professors, their families and households, and in particular the social relations that went with them. Questions of household or family economics have played no or only a marginal role. However, economic well-being is a central factor in the functioning of a professor's household, especially in relation to their university responsibilities. This study analyses the economic practices of professorial households in Marburg. The aim is not only to identify these practices, but also to place them in the context of their social relations. Early professorial households acted as a kind of link between the city and the university, as professors, their families and household members were already part of the university by virtue of their legal status and were referred to as university citizens. On the other hand, they were part of the city's population, socially integrated into neighbourhoods, employing staff, buying consumer goods, using craft and service businesses, renting and letting, borrowing and lending money, and much more. The basic assumption of this micro-historical study is that social and economic relations were intertwined, since economic activity in the early modern period was inextricably linked to social relations, and social relations were characterised by economic aspects. In this study, the economic practices of Marburg professors' households and families were used to investigate the relationship between the city and the university. The study is divided into three main areas, to which chapters C, D and E are devoted. First, Chapter C looks at the professorial household itself. It asks who belongs to a professorial household, what functions they perform within the household, and to what extent there are differences with urban households. The household's living and economic practices are also analysed. The professors and their families lived not only in their own houses, but also in servants' houses or in rented accommodation. They grew fruit and vegetables in their own or rented gardens and kept livestock. Some households farmed or brewed beer. It was also common for professors' households to have students living there and/or providing meals. This income in turn contributed to the household income, which is the focus of the second part of the study. Chapter D focuses on the question of the household income of professors and their families. On the one hand, this came from income from university activities, which consisted not only of money but also of goods in kind. However, this was not necessarily the main or even the only income. Rather, other professional offices and activities that professors held in parallel to their professorship, as well as the income of their wives, e.g. from taking care of students, contributed to the household income. Professors also worked as pastors or preachers, as municipal or personal physicians, and as members of the court, for example, during their time at university. At the same time, income from assets held by professors and their families contributed significantly to household income. A third focus of the study (Chapter E) is on the question of assets and debts. Family assets included houses, farms, agricultural land and gardens, rights such as tithes and capital. It examines how households used these assets and what practices and family connections were involved. Just as family assets promoted the economic well-being of the household, so debt limited it to some extent. The practices of incurring debt and dealing with debt relations are analysed as examples. As a result, the paper shows that economic practices in particular can illustrate the function of households as a link between the university and the city. This also applies to the relationship between economic prosperity and the kinship ties of the professors' families. The family associations with their households stabilised the small state university of Marburg and thus contributed to the fact that the university was able to maintain its work and avoid closure despite financial difficulties and crises. Based on the economic practices of the Marburg professors' households, the study thus combines the research fields of university history, kinship research, and city history, and contributes to the endeavour of university history research to rethink the concept of the "family university".

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Stehling, Christina (0000-0003-0315-2213): Zwischen Stadt und Universität. Ökonomische Praktiken Marburger Professorenhaushalte und -familien zwischen 1653 und 1866. : Philipps-Universität Marburg 2025-03-13. DOI: https://doi.org/10.17192/z2025.0079.

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