Zur Aktualität der „Dialektik der Aufklärung“ und der patriarchalen Naturbeherrschung im 21. Jahrhundert
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Philipps-Universität Marburg
Abstract
Durch die zunehmende Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahrzehnten und einem liberal-feministischen Diskurs, der in der ‚Mitte der Gesellschaft‘ angekommen ist, könnte man zu der Auffassung gelangen, die Emanzipation von Frauen sei weit fortgeschritten oder die Gesellschaft befinde sich zumindest auf ‚gutem‘ Weg dorthin. Diesem Trend setzen sich nicht nur reaktionäre Männer wie etwa Jordan B. Peterson entgegen, der in seinem Männerratgeber für die Restauration einer vorgeblich ‚ursprünglichen', patriarchalen Ordnung eintritt. Die letzten Jahre zeugten von deutlichen Rückschritten für Frauen, homosexuellen und queeren Menschen, wie die Abschaffung des bundesweiten Rechts auf Abtreibung in den USA oder das radikale Anti-Abtreibungsgesetz in Polen zeigt, aber auch der Anstieg häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt gegenüber Frauen oder die zunehmende LGBTQ-Feindlichkeit. Doch ist der bürgerliche Feminismus tatsächlich das Gegenmodell zu diesen Auswüchsen antifeministischer Politik oder liegt nicht vielmehr der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft selbst nach wie vor eine patriarchale Ideologie zugrunde? Tragen nicht vielmehr feministische Diskurse und Politik, die die materialistische Grundlage der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ignorieren, gar hypostasieren, zur Aufrechterhaltung und Verschleierung des alten Unrechts bei? Schließlich hat sich trotz aller formalen Veränderungen der letzten Jahrzehnte die ökonomische Grundlage der Gesellschaft nicht geändert. Nach wie vor basiert der gesellschaftliche Reichtum auf der Produktion von Waren, die Akkumulation von Kapital auf der Ausbeutung der Arbeitskraft, die stets aufs Neue reproduziert werden muss, was nach wie vor meist Frauen als Aufgabe zukommt. Zudem scheinen sich öffentliche Debatten um Gleichberechtigung derzeit eher auf sprachlicher-, oder kulturell-symbolischer Ebene zu bewegen. Eine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft als Herrschaftskomplex, in der die materielle Grundlage, kulturelle Formen und die Ideologie der Subjekte miteinander verwoben sind, scheint auch innerhalb kritischer Gesellschaftswissenschaften mit dem Einzug postmoderner Theorieansätze zunehmend unterrepräsentiert zu sein.
Die vorliegende Arbeit widmet sich deshalb der Re-Lektüre einer Gesellschaftstheorie, die die materiellen Bedingungen der Gesellschaft radikal kritisierte, ohne dabei kulturelle und sozialpsychologische Elemente auszublenden: Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Dabei wird die Arbeit der Frage nachgehen, wie viel Patriarchatskritik sich in der älteren Kritischen Theorie finden lässt und inwiefern sie fruchtbar gemacht werden kann für eine kritische, materialistisch-feministische Gesellschaftstheorie auf der Höhe der Zeit. Insbesondere wird sich dabei auf die Dialektik der Aufklärung bezogen, mit Ergänzungen von Aufsätzen, Aphorismen und Vorträgen Horkheimer und Adornos. Dabei soll geklärt werden, was deren Werk im 21. Jahrhundert noch zu feministischen Diskursen beitragen kann. Neben einer Rekonstruktion der geschlechterrelevanten Aspekte der Dialektik der Aufklärung soll im zweiten Teil der Arbeit feministische Kritik an ihr und der Kritischen Theorie als Ganzes vorgestellt werden, insbesondere mit dem Fokus auf Leerstellen in der Analyse der Geschlechterverhältnisse. Anschließend liefert die Arbeit einen Überblick über die Historie und den Kontext der feministischen Rezeption der Kritischen Theorie. Anhand aktueller Beiträge feministischer Autorinnen wird diskutiert, welche Relevanz Kritische Theorie für eine feministische Gesellschaftstheorie im 21. Jahrhundert hat. Die Arbeit beginnt zunächst mit einer geschichtlichen Kontextualisierung der Kritischen Theorie, um die Spezifik der Gesellschaftstheorie besser zu verstehen (Kapitel 2.1). Anschließend wird die historische Bedeutung des Werks Dialektik der Aufklärung für das Programm der Kritischen Theorie erläutert, sowie eine Rekonstruktion deren Grundprämissen und Horkheimers und Adornos Verständnis von Aufklärung und Mythos in ihrem Kapitel „Begriff der Aufklärung“ vorgenommen (Kapitel 2.2). Nachfolgend werden die Kapitel „Exkurs I. Odysseus oder Mythos und Aufklärung“ und „Exkurs II. Juliette oder Aufklärung und Moral“ auf geschlechterrelavante Aspekte und Kritik an patriarchaler Herrschaft untersucht (Kapitel 3 und 4). Daran anknüpfend wird die utopische Perspektive, die in der Dialektik der Aufklärung aufscheint, beleuchtet (Kapitel 5). Der zweite Teil der Arbeit gibt einen Überblick über die feministische Rezeption der Kritischen Theorie, mit Fokus auf Kritik und Leerstellen, sowie dem historischen Kontext und einer Kritik der bisherigen Rezeption (Kapitel 6.1 und 6.2). Die Arbeit bemüht sich dabei um Auswahl möglichst relevanter Texte. Zuletzt wird anhand zweier aktueller Texten feministischer Autorinnen, die Frage nach der Aktualität und Fruchtbarkeit der Kritischen Theorie für eine feministische Gesellschaftstheorie diskutiert (Kapitel 6.3).
Due to the increasing integration of women into the labor market in recent decades and a liberal-feminist discourse that has reached the 'center of society', one could come to the conclusion that the emancipation of women is well advanced or that society is at least on a 'good' path towards it. This trend is not only opposed by reactionary men such as Jordan B. Peterson, who advocates the restoration of an allegedly 'original' patriarchal order in his guidebook for men. In recent years we have witnessed significant steps backwards for women, homosexual and queer people, as shown by the abolition of the federal right to abortion in the USA or the radical anti-abortion law in Poland, but also the rise in domestic and intimate partner violence against women or increasing LGBTQ hostility. But is bourgeois feminism really the counter-model to these excesses of anti-feminist politics or is it not rather the case that bourgeois capitalist society itself is still based on a patriarchal ideology? Isn't it rather the case that feminist discourses and politics, which ignore or even hypostatize the materialist basis of bourgeois-capitalist society, contribute to the maintenance and concealment of the old injustice? After all, despite all the formal changes of recent decades, the economic basis of society has not changed. Social wealth is still based on the production of goods, the accumulation of capital on the exploitation of labor power, which must be constantly reproduced, a task that is still mostly assigned to women. In addition, public debates about equality currently seem to take place more on a linguistic or cultural-symbolic level. A critique of bourgeois society as a complex of domination, in which the material basis, cultural forms and the ideology of the subjects are interwoven, also appears to be increasingly underrepresented within critical social sciences with the advent of postmodern theoretical approaches.
This thesis therefore aims to re-read a social theory that radically criticized the material conditions of society without ignoring cultural and socio-psychological elements: The Critical Theory of the Frankfurt School. In doing so, the work will explore the question of how much criticism of patriarchy can be found in older Critical Theory and to what extent it can be made fruitful for a critical, materialist-feminist social theory at the height of the times. In particular, reference will be made to the Dialectic of Enlightenment, with additions to essays, aphorisms and lectures by Horkheimer and Adorno. The aim is to clarify what their work can still contribute to feminist discourse in the 21st century. The thesis begins with a historical contextualization of Critical Theory in order to better understand the specifics of social theory (chapter 2.1). The historical significance of the Dialectic of Enlightenment for the program of Critical Theory is then explained, as well as a reconstruction of its basic premises and Horkheimer and Adorno's understanding of Enlightenment and myth in their chapter “The Concept of Enlightenment” (chapter 2.2). Subsequently, the chapters “Excursus I: Odysseus or Myth and Enlightenment” and “Excursus II: Juliette or Enlightenment and Morality” are examined for gender-relevant aspects and criticism of patriarchal rule (chapters 3 and 4). Following on from this, the utopian perspective that appears in the Dialectic of Enlightenment is examined (chapter 5). The second part of the thesis provides an overview of the feminist reception of critical theory, with a focus on criticism and gaps, as well as the historical context and a critique of the reception to date (chapters 6.1 and 6.2). The work endeavors to select texts that are as relevant as possible. Finally, the question of the topicality and fruitfulness of critical theory for a feminist social theory is discussed on the basis of two current texts by feminist authors (Chapter 6.3).
Keywords
Antifeminismus, Male domination, Kritische Theorie, Materialist feminism, Frankfurter Schule, Frankfurt School, Dialektik der Aufklärung, Formation of the bourgeois subject, Critical Theory, Patriarchatskritik, Patriarchat, Männliche Herrschaft, Instrumentelle Vernunft, Dialectic of Enlightenment, Antifeminism, Enlightenment, Patriarchy, Materialistischer Feminismus, Critique of ideology, Instrumental reason, Critique of patriarchy